Überzeugter Europäer und deutscher Patriot

In den 1980er Jahren stemmt sich Willy Brandt energisch gegen das atomare Wettrüsten der Supermächte. Um den Frieden zu sichern und die Abrüstung zu fördern, sucht der SPD-Vorsitzende den Dialog mit den Machthabern im Ostblock. 1987 gibt er den Parteivorsitz ab und wird Ehrenvorsitzender der SPD. Als 1989 die Berliner Mauer fällt und die kommunistischen Diktaturen in Mittel- und Osteuropa stürzen, erfüllt sich für Brandt ein Traum. Begeistert fördert er das Zusammen­wachsen Europas und die staatliche Einheit Deutschlands, die 1990 wiederhergestellt wird. Nach schwerer Krankheit stirbt Willy Brandt am 8. Oktober 1992 in Unkel bei Bonn.

Alle Texte des multimedialen Zeitstrahls 1983-1992

50. Jahrestag von Hitlers Machtantritt

Im Berliner Reichstagsgebäude findet am 30. Januar 1983 eine Gedenkveranstaltung statt, die an den 50. Jahrestag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und den Beginn der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland erinnert. Neben Bundeskanzler Helmut Kohl, dem Regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker und dem Politikwissenschaftler Karl Dietrich Bracher spricht auch der SPD-Vorsitzende Willy Brandt.

In seiner Rede mahnt er die Deutschen, das dunkelste Kapitel ihrer Geschichte nicht zu vergessen. Brandt betont, dass Hitler nicht zwangsläufig an die Macht habe kommen müssen und es 1933 auch Widerstand gegeben habe. Zudem stellt der Altkanzler den engen Zusammenhang zwischen den Verbrechen der NS-Diktatur, dem von ihr ausgehenden Krieg und der Teilung Deutschlands heraus.

Zweiter Nord-Süd-Bericht

Gemeinsam mit Shridath Ramphal und Edward Heath tritt Willy Brandt am 9. Februar 1983 vor die Bundespressekonferenz in Bonn, um der Öffentlichkeit den zweiten Bericht der Nord-Süd-Kommission vorzustellen. Der englische Originaltitel des Reports lautet „Common Crisis“. Der Titel der deutschen Ausgabe ist „Hilfe in der Weltkrise“.

In seinen einführenden Bemerkungen fordert Brandt die internationale Gemeinschaft zu Sofortmaßnahmen gegen die Weltwirtschaftskrise und die Verschuldungsprobleme der Entwicklungsländer auf. Die Kommission schlägt dafür u. a. vor, den Welthandel auszuweiten, die verfügbaren Mittel des IWF zu erhöhen und Landwirtschaftsprojekte besser zu fördern. Am 15. Februar 1983 übergibt Brandt den zweiten Nord-Süd-Bericht in Genf an UNO-Generalsekretär Javier Pérez de Cuéllar.

Bundestagswahl: Klarer CDU/CSU-Sieg

Ermöglicht durch eine am 17. Dezember 1982 von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) absichtlich verlorene Vertrauensabstimmung, findet am 6. März 1983 die Neuwahl des Bundestags statt. Klare Siegerin ist die CDU/CSU. Mit 48,8% (+4,3) verpasst sie die absolute Mehrheit nur knapp. Kanzler Kohl und die Union können mit der FDP, die 7,0% (-3,6) erreicht, weiterregieren. Erstmals ziehen auch „Die Grünen“ mit 5,6% (+4,1) in das Bonner Parlament ein.

Wahlverliererin ist die SPD. Angeführt vom Kanzlerkandidaten Hans-Jochen Vogel, kommt sie nur auf 38,2% (-4,7). Der Vorsitzende Willy Brandt verspricht, die SPD werde der Regierung eine „richtige Opposition“ sein, und kündigt an: „Wir kommen wieder!“ Als Alterspräsident eröffnet er am 29. März 1983 die Konstituierende Sitzung des 10. Deutschen Bundestags.

SI-Kongress in Albufeira

Beim Kongress der Sozialistischen Internationale (SI) im portugiesischen Albufeira wird Willy Brandt wieder zum Präsidenten der Parteienvereinigung gewählt. Im Herbst 1982 hat er noch erwogen, das Amt an Olof Palme abzugeben. Zur erneuten Kandidatur erklärt Brandt sich erst nach einigem Zögern bereit, wie aus seinem Brief an Felipe González vom 17. Februar 1983 hervorgeht.

Zur Bedingung für eine weitere Amtszeit macht der Deutsche die Ablösung des SI-Generalsekretärs Bernt Carlsson. Doch die Personalvorschläge, die Brandt für diesen Posten macht, werden von den Mitgliedsparteien abgelehnt. Zudem gibt es Kritik am Führungsstil des Präsidenten. Zum neuen Generalsekretär wählt der Kongress schließlich den Finnen Pentti Väänänen. Überschattet wird die Tagung durch den Mord am PLO-Vertreter Issam Sartawi.

Reaktion auf DDR-Reise von Strauß

Entgegen den Befürchtungen der SPD setzt Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) die Ost- und Deutschlandpolitik der sozial-liberalen Koalition fort. Groß ist die Überraschung, als im Sommer 1983 auch der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß Entspannungspolitik betreibt.

Der einst schärfste Kritiker der Ostverträge fädelt einen Milliardenkredit für die DDR ein und wird am 24. Juli 1983 von SED-Generalsekretär Erich Honecker empfangen. Zudem reist der bayerische Ministerpräsident nach Polen und in die Tschechoslowakei.

In einem Interview am 30. Juli 1983 kann Willy Brandt die ostpolitische Wende von Strauß nur begrüßen, erklärt das „Getöse“ um dessen Reise aber für übertrieben. Die SPD und ihr Vorsitzender sind selbst sehr darum bemüht, die Beziehungen zur SED-Führung in der DDR weiterzuentwickeln.

Briefwechsel mit Andropow über Raketen

Gemäß dem NATO-Doppelbeschluss von 1979 soll im Herbst 1983 die Entscheidung über die Aufstellung neuer atomarer Mittelstreckenwaffen der USA in Westeuropa fallen. Noch vor dem Scheitern der Raketenverhandlungen in Genf zeichnet sich ab, dass die SPD als größte Oppositionspartei in der Bundesrepublik der „Nachrüstung“ nicht zustimmen wird.

Um die streitigen Debatten im Westen zu ihren Gunsten zu beeinflussen, startet die Sowjetunion im Spätsommer 1983 eine Propagandaoffensive. Deren Adressat ist neben der Friedensbewegung auch die SPD. In einem Schreiben an Willy Brandt schlägt der KPdSU-Generalsekretär Juri Andropow Ende August 1983 erneut die Begrenzung der atomaren Mittelstreckensysteme in Europa vor. Zwar bietet Moskau nun erstmals auch den Abbau „überzähliger“ SS-20-Raketen an, doch nur auf der Basis einer Anrechnung der britischen und französischen Atomwaffen. In keinem Fall, so Andropow weiter, dürften amerikanische Cruise Missiles und Pershing II in Westeuropa stationiert werden.

In seiner Antwort vom 22. September 1983 zeigt Brandt Verständnis dafür, auch die Nukleararsenale Großbritanniens und Frankreichs zu berücksichtigen. Er fordert Andropow aber eindringlich dazu auf, mit der Reduzierung der SS-20-Raketen sofort zu beginnen. Brandt und die SPD fürchten eine weitere Zuspitzung des Ost-West-Konflikts. Nach dem Abschuss eines koreanischen Zivilflugzeugs mit 269 Menschen an Bord durch die sowjetische Luftwaffe am 1. September 1983 hat sich die Lage dramatisch verschärft.

USA-Reise zur Nachrüstungsfrage

Ende September 1983 reist Willy Brandt in die USA. Dort möchte er die vor allem von der CDU/CSU erhobene Beschuldigung widerlegen, die Sicherheitspolitik der SPD sei neutralistisch und antiamerikanisch. Schon Anfang August hat Brandt dazu in der „Washington Post“ einen „Offenen Brief“ veröffentlicht.

In einem Vortrag in Canton/Ohio am 28. September 1983 und tags darauf in einer Anhörung vor Mitgliedern des US-Kongresses in der Hauptstadt Washington präsentiert der SPD-Vorsitzende einen Vier-Punkte-Plan für ein stufenweises „Einfrieren“ des Testens, der Produktion und der Aufstellung von Atomwaffen. Damit knüpft Brandt an Vorschläge der amerikanischen Friedensbewegung „FREEZE“ an. Vor den Kongressabgeordneten äußert er sich auch zur deutschen Frage und zu den Chancen, die Teilung Europas zu überwinden.

Rede bei der Bonner Friedensdemonstration

Bei der bis dahin größten Friedenskundgebung in Deutschland demonstrieren am 22. Oktober 1983 etwa 500.000 Menschen in Bonn gegen die geplante Stationierung neuer amerikanischer Mittelstreckenwaffen in Westeuropa. Zu den prominenten Rednern zählt neben dem Schriftsteller Heinrich Böll und der grünen Politikerin Petra Kelly auch Willy Brandt.

In seiner Rede lehnt der SPD-Vorsitzende es ab, dass „Deutschland noch immer mehr vollgepackt wird mit atomarem Teufelszeug“. Von den amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen in Genf ist Brandt bitter enttäuscht. Sein Vorwurf, dort sei kein politischer Wille zur Einigung deutlich geworden, gilt in erster Linie der US-Regierung. Gleichwohl hält Brandt nichts von einem Austritt der Bundesrepublik aus der NATO. Auch die Bundeswehr nimmt er in Schutz.

Kritik an US-Intervention in Grenada

Am 25. Oktober 1983 besetzen amerikanische Truppen die Karibikinsel Grenada. Dort hat wenige Tage zuvor der marxistisch-leninistische Flügel der Regierungspartei New Jewel Movement (NJM) den eigenen Premierminister gestürzt und ermordet. Das militärische Eingreifen der USA, die ein „zweites Kuba“ befürchten, macht dem kommunistischen Putsch auf Grenada schnell ein Ende.

In einer Erklärung vom 26. Oktober 1983 protestiert Willy Brandt als Präsident der Sozialistischen Internationale (SI) „auf schärfste“ gegen die US-Intervention. Sie sei „mit den Prinzipien des Völkerrechts völlig unvereinbar“. Wenig schmeichelhaft für die SI ist allerdings, dass sie Grenadas NJM 1980 als Mitglied aufgenommen hat. Stimmen, die vor der sehr weit links stehenden Partei gewarnt haben, sind damals überhört worden.

Nein der SPD zur NATO-Nachrüstung

Wie beim Berliner Parteitag vier Jahre zuvor beschlossen, gibt die SPD im Herbst 1983 ihr Votum zum Aufrüstungsteil des NATO-Doppelbeschlusses ab. Mit großer Mehrheit stimmt der Kölner Sonderparteitag am 18./19. November 1983 gegen die Stationierung neuer US-Atomraketen und für weitere Verhandlungen. Nur vierzehn Delegierte, allen voran Helmut Schmidt, folgen nicht dem vom Vorsitzenden Willy Brandt unterstützten Antrag.

Dessen ungeachtet billigt der Bundestag in Bonn am 22. November 1983 mit 286 zu 225 Stimmen die Aufstellung von 108 Pershing II und 96 Cruise Missiles in der Bundesrepublik. Tags darauf verlässt die Sowjetunion den Tisch der Genfer Verhandlungen über atomare Mittelstreckenwaffen (INF). Am 8. Dezember 1983 bricht sie auch die Gespräche über strategische Nuklearwaffen (START) ab.

Eheschließung mit Brigitte Seebacher

Auf dem Standesamt in ihrem Wohnort Unkel geben sich Willy Brandt und Brigitte Seebacher am 9. Dezember 1983 das Ja-Wort. Es ist seine dritte und ihre erste Ehe. Die geheim gehaltene Trauung, von der die Medien und die Öffentlichkeit erst danach erfahren, nimmt der Bürgermeister des Städtchens persönlich vor.

Neun Tage später feiert der SPD-Vorsitzende in Bonn seinen 70. Geburtstag. Zu den Gratulanten zählen auch Bundespräsident Karl Carstens und Bundeskanzler Helmut Kohl. An Weihnachten 1983 wird nach einigen Umbauten ein altes Bauernhaus bezugsfertig, das Willy und Brigitte sich in Gagnières (Frankreich) gekauft haben. Dort in den Cevennen verbringen sie in den folgenden Jahren sehr häufig ihre Ferien.

Brandt- und Palme-Kommission in Rom

Auf Betreiben Willy Brandts findet vom 20. bis 22. Januar 1984 in Rom eine gemeinsame Sitzung seiner Nord-Süd-Kommission und der von Olof Palme geleiteten „Unabhängigen Kommission für Abrüstungs- und Sicherheitsfragen“ statt. Die Palme-Kommission, zu deren Mitgliedern u. a. auch Egon Bahr und Shridath Ramphal gehören, hat 1982 den Bericht „Gemeinsame Sicherheit“ veröffentlicht und darin Vorschläge zum Stopp des atomaren Wettrüstens in Ost und West gemacht.

Die Zusammenhänge zwischen Überrüstung und Unterentwicklung liegen Brandt sehr am Herzen. Doch die von ihm erhofften Impulse für eine intensivere Beschäftigung mit dem Thema gehen von dem Treffen in Rom nicht aus. Formaler Höhepunkt ist am 21. Januar 1984 die Begegnung der Kommissionsmitglieder mit Papst Johannes Paul II.

Lateinamerika-Appell der Internationalen

Erstmals kommen am 10. April 1984 in Rom die Präsidenten der Christlich-Demokratischen, der Liberalen und der Sozialistischen Internationale, Andrés Zaldivar, Giovanni Malagodi und Willy Brandt, zu einem Gespräch zusammen. Ergebnis des Treffens ist ein „Gemeinsamer Appell über Lateinamerika“. Die drei Präsidenten unterstützen die Friedensbemühungen in Mittelamerika, begrüßen die Rückkehr Argentiniens zur Demokratie und fordern ein Ende der Diktatur in Chile.

Wenige Tage zuvor hat Brandt sich in Madrid mit Felipe González und Bruno Kreisky sowie in Lissabon mit Mário Soares besprochen. Der 70-Jährige ist reisefreudig wie eh und je: Mitte April nimmt Brandt in Genf an einer Nord-Süd-Konferenz des Europarates teil. Knapp zwei Wochen später leitet er in Kopenhagen eine Sitzung des SI-Büros.

SPD-Bundesparteitag in Essen

Auf ihrem Bundesparteitag in Essen vom 17. bis 21. Mai 1984 verabschieden die deutschen Sozialdemokraten wegweisende Beschlüsse. In der Sicherheitspolitik spricht sich die SPD für das auf Egon Bahr zurückgehende Konzept der „Gemeinsamen Sicherheit“ aus. Die Partei lehnt die NATO-Doktrin der nuklearen Abschreckung ab und erklärt, dass die Sicherung des Friedens nur noch gemeinsam mit dem Osten möglich sei.

Im Kampf gegen die Massenarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik stellt sich die SPD hinter die Forderung der Gewerkschaften nach Verkürzung der Wochenarbeitszeit. Darüber hinaus beschließen die Delegierten, dass eine Kommission unter Leitung Willy Brandts ein neues Grundsatzprogramm ausarbeiten soll. Der SPD-Vorsitzende wird mit 391 von 422 gültigen Stimmen erneut in seinem Amt bestätigt.

Reise nach China und Indien

Auf Einladung der Kommunistischen Partei Chinas besucht Willy Brandt Ende Mai 1984 zum ersten Mal die Volksrepublik. In Begleitung von Egon Bahr und Hans-Jürgen Wischnewski spricht der SPD-Vorsitzende in Peking sowohl mit Parteichef Hu Yaobang als auch mit Chinas oberstem Machthaber, Deng Xiaoping. In der chinesischen Hauptstadt hält Brandt am 30. Mai 1984 zudem eine Rede vor der Parteihochschule. Weitere Reisestationen sind Shanghai und Guangdong.

Nach einem Zwischenstopp in Hongkong fliegt Brandt nach Neu-Delhi weiter, wo er am 5. Juni 1984 von Indiens Ministerpräsidentin Indira Gandhi mit außerordentlich hoher Aufmerksamkeit empfangen wird. Thema ihrer Gespräche sind Fragen der internationalen Wirtschafts- und Sicherheitspolitik sowie eine mögliche Wiederaufnahme des Nord-Süd-Dialogs.

Ernüchterung nach Europawahl

Die zweite Direktwahl des Europäischen Parlaments fällt für die SPD ernüchternd aus. Bei der Abstimmung in der Bundesrepublik erreicht die Partei am 17. Juni 1984 lediglich 37,4%. Der erhoffte Denkzettel für die Regierung von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) ist trotz hoher Arbeitslosigkeit weitgehend ausgeblieben.

Die CDU/CSU kommt auf 46,0%. Allerdings verpasst ihr liberaler Koalitionspartner, die FDP, mit 4,8% den Wiedereinzug ins Europa-Parlament. Überraschend stark schneiden die Grünen mit 8,2% ab.

Im Wahlkampf haben die SPD und ihr Vorsitzender eindringlich vor einer noch tieferen Krise der europäischen Integration gewarnt. „Die real existierende Europäische Gemeinschaft läuft Gefahr, den Gedanken der europäischen Einigung zu verspielen“, so Willy Brandt in einem Artikel im März 1984.

Dreiwöchige Lateinamerika-Reise

Am 28. September 1984 bricht Willy Brandt zu einer dreiwöchigen Reise nach Süd- und Mittelamerika auf. Seine erste Station ist Brasilien, wo er in Rio de Janeiro die Sitzung des „Büros“ der Sozialistischen Internationale (SI) leitet. Anschließend besucht er auch Argentinien, Peru, Venezuela, Kolumbien, Costa Rica, Nicaragua, Kuba und Mexiko.

Höhepunkt der Tour ist Brandts erstes Zusammentreffen mit Kubas Staatschef Fidel Castro am 15. Oktober 1984. Insgesamt neun Stunden reden beide in Havanna miteinander. Brandt zeigt sich sehr beeindruckt von Castro, wie auch ein besonders herzliches Dankesschreiben zeigt.

In einer Rede, die er am Ende der Reise in Mexiko City hält, fordert der SI-Präsident Europa dazu auf, Lateinamerika bei der Bewältigung der Schuldenkrise finanziell zu unterstützen.

Aussage im Flick-Ausschuss

1984 macht die „Flick-Affäre“ in der Bundesrepublik viele Schlagzeilen. Über Jahre hat der Flick-Konzern verdeckte Parteispenden an Politiker von CDU/CSU, FDP und SPD gezahlt. Wegen des Vorwurfs der Bestechlichkeit kommt es im Juni 1984 sogar zur Anklage von Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff (FDP), der daraufhin zurücktritt. Ein Untersuchungsausschuss des Bundestages versucht den Skandal um die illegale Parteienfinanzierung aufzuklären.

Am 26. Oktober 1984 wird Willy Brandt als Zeuge befragt, denn auch sein Name steht auf der Liste der Geldempfänger. Nach eigener Aussage hat der SPD-Vorsitzende aber niemals eine Zahlung vom Flick-Konzern erhalten. Zudem erklärt er, keine Kenntnis davon zu haben, dass Flick unter Berufung auf Brandt jemand anderem in der SPD Geld gegeben habe.

Münchner Rede zur deutschen Frage

In der Reihe „Reden über das eigene Land: Deutschland“ hält der SPD-Vorsitzende Willy Brandt am 18. November 1984 in den Münchener Kammerspielen einen Vortrag mit dem Titel „Die Chancen der Geschichte suchen“. Bei seinem Nachdenken über das geteilte Deutschland bekennt sich der 70-Jährige zur deutschen Nation. Was aber die Möglichkeit einer staatlichen Einheit angeht, erklärt er die deutsche Frage für nicht mehr offen.

Dieser Traum sei vorbei, vor allem wegen der Zugehörigkeit der Bundesrepublik und der DDR zu verschiedenen Bündnissen. Das Ziel „Wiedervereinigung“ nennt Brandt gar „die Lebenslüge der fünfziger Jahre“. Beide deutsche Staaten sollten vielmehr nach Gemeinsamkeiten trotz und in der Teilung suchen. Politiker der CDU/CSU und konservative Publizisten kritisieren die Rede scharf.

Besuch in Israel

Am 29. Januar 1985 trifft Willy Brandt zu einem sechstägigen Besuch in Israel ein. Der SPD-Vorsitzende und Präsident der Sozialistischen Internationale ist Gast der Israelischen Arbeitspartei von Ministerpräsident Shimon Peres. Neben Unterredungen mit israelischen Politikern steht auch ein Gespräch mit arabischen Bürgermeistern aus dem von Israel besetzten Westjordanland auf dem Programm.

Eine besondere Ehre wird dem Altkanzler am 30. Januar 1985 zuteil. In der Nähe von Nazareth wird ein Wald nach seinem Namen benannt, für den Peres und Brandt die ersten Zypressen pflanzen. Zwei Tage später trifft sich Brandt in Jerusalem mit dem Verleger Axel Springer, der ihn einst gefördert, später aber wegen der Ostpolitik erbittert bekämpft hat. Ihre erste Begegnung nach 15 Jahren endet versöhnlich.

USA-Reise und Anti­amerikanismus-Vorwürfe

Ende April 1985 fliegt Willy Brandt nach New York, wo er u. a. beim „Council on Foreign Relations (CFR)“ spricht. Es ist sein zehnter Auftritt in der Denkfabrik seit 1958. Außerdem nimmt Brandt an einem Symposium der „Third World Foundation“ teil, die ihm den „Dritte-Welt-Preis“ verleiht. In seiner Rede vor dem CFR am 24. April 1985 übt er heftige Kritik an der Außen- und Sicherheitspolitik der Regierung von US-Präsident Ronald Reagan.

Die SPD lehnt die atomare Hochrüstung, das Projekt einer Raketenabwehr im Weltall (SDI) und die Mittelamerikapolitik der USA entschieden ab. Wohl auch deshalb will Reagan sich bei seinem Deutschland-Besuch im Mai 1985 nicht mit dem SPD-Vorsitzenden treffen. Angriffe der CDU/CSU, die SPD sei anti-amerikanisch eingestellt, weist Brandt sehr erzürnt zurück.

Erste Begegnung mit Gorbatschow

Bei seiner seit langem geplanten Moskau-Reise trifft Willy Brandt am 27. Mai 1985 im Kreml zum ersten Mal mit Michail Gorbatschow zusammen. So ausführlich wie bis dahin kein anderer westlicher Politiker kann der SPD-Vorsitzende mit dem zwei Monate zuvor ins Amt gekommenen Generalsekretär der KPdSU sprechen. Brandts Eindruck von Gorbatschow ist sehr positiv: Er sei gut unterrichtet, wirke souverän, unbefangen, freundlich und auch bestimmt.

Im Mittelpunkt ihres Gesprächs stehen Fragen der Abrüstung, speziell der Stand der im März 1985 wiederaufgenommenen amerikanisch-sowjetischen Raketenverhandlungen in Genf. Unter vier Augen reden beide auch über Afghanistan, das noch immer von der Sowjetunion besetzt ist. Bald nach dem Treffen beginnen Gorbatschow und Brandt einen regen Briefwechsel.

Besuch in Budapest

Nach Sofia im Dezember 1984 und Moskau im Mai 1985 ist einen Monat später Budapest das nächste Reiseziel Willy Brandts im kommunistisch regierten Osteuropa. In einer „zweiten Phase der Ostpolitik“ will der SPD-Vorsitzende die Ost-West-Entspannung wiederbeleben. In seiner Unterredung mit dem Generalsekretär der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (USAP), János Kádár, am 27. Juni 1985 geht es konkret um Kooperationsmöglichkeiten der beiden Parteien.

Nach Auskunft von Karsten D. Voigt, der diesem Gespräch beiwohnt, erörtern beide auch die Frage, wie die Spaltung der Arbeiterbewegung in Sozialdemokraten und Kommunisten überwunden werden könnte. In Ungarns Hauptstadt hält Brandt zudem eine Rede bei einem Kongress der „Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW)“.

Gespräch mit Mitterrand in Paris

Am 12. Juli 1985 empfängt Staatspräsident François Mitterrand den SPD-Vorsitzenden und Präsidenten der Sozialistischen Internationale Willy Brandt in der französischen Hauptstadt. Trotz erheblicher Meinungsverschiedenheiten wegen der Stationierung neuer US-Atomraketen in Westeuropa 1983 und der französischen Nuklearwaffenpolitik tauschen sich beide Politiker regelmäßig aus.

Das gilt auch für ihre Parteien. Bereits im Mai 1985 ist Brandt zu Gesprächen mit der Führung der Sozialistischen Partei nach Paris gereist. Große Unterstützung von den deutschen Sozialdemokraten erfährt Mitterrand für seinen Vorschlag, die europäische Technologie­gemeinschaft „EUREKA“ zu gründen. Das macht Brandt in einem Interview für die Zeitschrift „L’Express“ deutlich, das am 28. Juni 1985 veröffentlicht wird.

Besuch bei Honecker in Ost-Berlin

Auf Einladung von Erich Honecker reist Willy Brandt am 18. September 1985 zum ersten Mal seit 15 Jahren zu einem offiziellen Besuch in die DDR. Die Gespräche zwischen dem Staats- und Parteichef der DDR und dem SPD-Vorsitzenden kreisen um die Ost-West-Verhandlungen und die deutsch-deutschen Beziehungen, nicht zuletzt um die heiklen Punkte Elbgrenze, Erfassungsstelle Salzgitter und DDR-Staatsbürgerschaft.

Am Abend des 19. September 1985 spricht Brandt auch mit Vertretern der Evangelischen Kirche in der DDR. Zum Ost-Berliner Rahmenprogramm, das er und seine Frau Brigitte absolvieren und das die Stasi rundum überwacht, gehören ein Museumsbesuch, ein Stadtrundgang und die Besichtigung eines Neubauviertels in Marzahn. Tags darauf fährt das Ehepaar Brandt noch zu einer Stippvisite nach Weimar.

Reise nach Belgrad und Wien

Mit einem Besuch in Belgrad setzt Willy Brandt Mitte Oktober 1985 seine Reisen in die östlichen Hauptstädte Europas fort. In Begegnungen mit Spitzenpolitikern vom „Bund der Kommunisten Jugoslawiens“ spricht der SPD-Vorsitzende vor allem Nord-Süd Fragen an.

Hinsichtlich der Schuldenkrise der Entwicklungsländer wirbt Brandt für ein von ihm vorgeschlagenes Fünf-Punkte-Programm, das u. a. einen Schuldenerlass für die ärmsten Staaten, die Senkung der Zinssätze und die Sicherung eines minimalen Lebensstandards für die Bevölkerung vorsieht.

Am 14. Oktober 1985 reist Brandt weiter nach Wien. Dort stellt er sein neues Buch „„Der organisierte Wahnsinn: Wettrüsten und Welthunger“ vor, leitet eine Sitzung des „Büros“ der Sozialistischen Internationale und eröffnet eine Abrüstungskonferenz der SI.

Reise in die Tschechoslowakei

Prag und Bratislava sind vom 7. bis 10. November 1985 die Stationen eines lange geplanten Besuchs von Willy Brandt in der Tschechoslowakei. Ein Jahr zuvor ist die Reise vom SPD-Vorsitzenden noch abgesagt worden, da ihm die kommunistische Führung eine Begegnung mit Jiří Hájek, dem früheren Außenminister und „Charta 77“-Sprecher, verweigert hat.

Für diesen und weitere verfolgte Dissidenten, wie Rudolf Battĕk und Václav Havel, ist Brandt schon wiederholt bei den Machthabern in Prag vorstellig geworden. Während seines Besuchs 1985 darf immerhin SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz mit Hajek und anderen Regimekritikern zusammentreffen.

Kurztrip nach Washington

Zur Entgegennahme des Albert-Einstein-Friedenspreises fliegt Brandt am 12. November 1985 nach Washington. In seiner Rede anlässlich der Verleihung drückt er insbesondere seine Hoffnung aus, dass das bevorstehende erste Treffen zwischen dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan und dem sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow in Genf eine neue Phase der Entspannung und Zusammenarbeit einleiten könnte.

In der US-Hauptstadt führt Brandt zudem Gespräche mit Vizepräsident George Bush und Senatoren beider Parteien. Themen sind dabei auch die Schuldenkrise der Entwicklungsländer, die Idee eines zweiten Nord-Süd-Gipfels (Cancun II) und die Lage in Mittelamerika, speziell in Nicaragua. Brandts Bewertung der Ergebnisse des Genfer Gipfels fällt am 21. November 1985 vorsichtig positiv aus.

Umstrittener Besuch in Polen

Zum 15. Jahrestag des Warschauer Vertrags reist Willy Brandt am 6. Dezember 1985 zu einem viertägigen Besuch in die Hauptstadt Polens. Sein wichtigster Gesprächspartner ist der kommunistische Staats- und Parteichef Wojciech Jaruzelski. Außerdem spricht der SPD-Vorsitzende in Warschau mit Vertretern der nichtkommunistischen Intelligenz und der Katholischen Kirche. Große Aufmerksamkeit findet auch seine Rede im Warschauer Königsschloss.

Auf starke Kritik in der Bundesrepublik und bei Teilen der polnischen Opposition stößt, dass Brandt sich nicht mit Lech Wałęsa, dem Anführer der verbotenen Gewerkschaft Solidarność trifft, von dem er nach Danzig eingeladen worden ist. Trotz eines Briefwechsels, den die beiden von Herbst 1985 bis Frühjahr 1986 pflegen, ist und bleibt ihr Verhältnis distanziert.

Briefwechsel mit Gorbatschow

Seit Amtsantritt sorgt der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow mit Abrüstungsinitiativen weltweit für Aufsehen und für neue Bewegung im Ost-West-Verhältnis. Am 15. Januar 1986 schlägt er den USA vor, alle Atomwaffentests einzustellen, bis zum Jahr 2000 stufenweise alle nuklearen und chemischen Waffen zu beseitigen und auf die Entwicklung von Weltraumwaffen zu verzichten.

In einem Brief an Gorbatschow vom 29. Januar 1986 sagt Willy Brandt diesem Vorstoß seine Unterstützung zu. Zugleich regt der SPD-Vorsitzende und Präsident der Sozialistischen Internationale an, in die sowjetischen Vorschläge für die erste Abrüstungsstufe auch die Atomraketen kürzerer Reichweite und die konventionellen Waffen einzubeziehen. Diese Idee setzen Gorbatschow und seine Berater wenige Monate später um.

Trauer um Olof Palme

Der Mord am schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme am 28. Februar 1986 in Stockholm ist für Willy Brandt ein schwerer Schock. Noch am Tag zuvor haben beide miteinander telefoniert. In seiner ersten Stellungnahme beklagt Brandt den „Verlust eines engen Freundes“. Der SPD-Vorsitzende und Präsident der Sozialistischen Internationale würdigt Palme als „eine der besonders herausragenden und vorausdenkenden Persönlichkeiten der europäischen und internationalen Sozialdemokratie“.

Bei der Trauerfeier in Stockholm am 15. März 1986 nimmt Brandt mit einer Gedenkrede Abschied: „Ich danke Dir, Olof, danke für Deine Leistungen, Deinen fordernden Geist und für das großartige Beispiel, das Du denen gabst, die weitermachen werden. (…) Olof wird weiterleben in unseren Herzen und in unserer Arbeit.“

Reise nach Südafrika und Botswana

Ganz im Zeichen des Kampfs gegen die Apartheid steht eine neuntägige Reise Willy Brandts ins südliche Afrika. Am 18. April 1986 nimmt er in Gaborone (Botswana) an einer Konferenz der Sozialistischen Internationale (SI) teil.

Davor und danach hält Brandt sich in Südafrika auf, wo er u. a. mit Bischof Desmond Tutu und Winnie Mandela, der Ehefrau von Nelson Mandela, spricht. Ein Besuch bei dem seit 1962 inhaftierten Anführer des African National Congress (ANC), dessen Freilassung die SI fordert, wird ihm aber verweigert.

Bei seinem Treffen mit Südafrikas Präsidenten Pieter W. Botha am 21. April 1986 lernt der SPD-Vorsitzende die totale Halsstarrigkeit des weißen Minderheitsregimes persönlich kennen. Im Juli 1986 lehnen es die Behörden sogar ab, ein Telegramm Brandts an Mandela zu übergeben.

Besuch in Oslo

Private Termine sowie politische Gespräche mit den Führungen der norwegischen Arbeiterpartei DNA und der Gewerkschaften stehen auf dem Programm eines sechstägigen Besuchs von Willy Brandt in Oslo.

Am 21. Mai 1986 wird der SPD-Vorsitzende von der sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland empfangen, die wenige Tage zuvor zum zweiten Mal nach 1981 zur Regierungschefin Norwegens gewählt worden ist. Sie hat zudem den Vorsitz der „Weltkommission über Umwelt und Entwicklung“ der Vereinten Nationen inne.

Die „Brundtland-Kommission“ steht in der Tradition von Brandts Nord-Süd-Kommission sowie der von Olof Palme geleiteten Kommission für Abrüstung und Sicherheit. Ihr Bericht „Unsere gemeinsame Zukunft“ führt das Konzept der Nachhaltigkeit ein und wird 1987 veröffentlicht.

Schwieriger SI-Kongress in Lima

Erstmals tagt vom 20. bis 23. Juni 1986 ein Kongress der Sozialistischen Internationale in Lateinamerika. In seiner Eröffnungsrede bezeichnet Willy Brandt das Treffen in Perus Hauptstadt Lima als Meilenstein.

Doch während der Tagung eskaliert im Land der Kampf zwischen dem Staat und der maoistischen Guerilla „Leuchtender Pfad“. Auf Befehl des Präsidenten Alan García von der Linkspartei APRA schlägt das Militär einen Gefängnisaufstand der Maoisten nieder. Über 100 Rebellen, darunter auch unbewaffnete Häftlinge, werden getötet.

Der von der Lage überraschte Brandt entscheidet sich trotzdem dafür, den Kongress in Lima durchzuführen. In einem Interview mit einer peruanischen Zeitschrift erklärt der SI-Präsident später, dass er von den Gewaltexzessen des Militärs erst im Nachhinein erfahren habe.

SPD-Bundesparteitag in Nürnberg

Die Reaktorkatastrophe im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 veranlasst die SPD zu einer Kehrtwende in der Energiepolitik. Auf ihrem Bundesparteitag in Nürnberg beschließt sie am 27. August 1986, dass die Bundesrepublik binnen zehn Jahren aus der Atomenergie aussteigen soll.

Das Treffen ist schon ganz auf die Bundestagswahl 1987 ausgerichtet. Kanzlerkandidat Johannes Rau will dabei eine eigene Mehrheit für die SPD erringen. Doch Willy Brandt zweifelt offenbar an diesem Ziel. Im Juli 1986 hat er in einem Interview erklärt, auch 43% wären „ein schöner Erfolg“.

Brandt versucht den verärgerten Rau zu beschwichtigen und bietet ihm in Nürnberg vergeblich den Parteivorsitz an. Schließlich wird der 72-Jährige mit 398 von 430 Stimmen noch einmal zum SPD-Vorsitzenden gewählt.

Stiftung Entwicklung und Frieden

Auf Initiative Willy Brandts wird am 10. September 1986 in Bonn die Stiftung Entwicklung und Frieden (SEF) gegründet. Die Idee dazu hat er anlässlich der Verleihung des „Dritte-Welt-Preis“ in New York im April 1985 entwickelt.

Die vom Land Nordrhein-Westfalen geförderte Stiftung soll sich den Fragen der Globalisierung widmen und die Themenkreise Ost-West und Nord-Süd miteinander verbinden. Zu den Gründungsmitgliedern zählen u. a. Johannes Rau, Kurt Biedenkopf, Ralf Dahrendorf und Carola Stern. Brandt wird Vorstandsvorsitzender.

Bei einem Symposium der SEF zum Thema „Die Dritte Welt und Wir“ am 5. November 1986 in Duisburg betont der 72-Jährige den schädlichen Zusammenhang von Überrüstung und Unterentwicklung. Statt für Rüstung müsse mehr Geld für Entwicklung ausgegeben werden, so Brandt.

Reagan-Gorbatschow-Gipfel in Reykjavik

Bei ihrem zweiten Gipfeltreffen, das am 11./12. Oktober 1986 in Island stattfindet, nähern sich US-Präsident Ronald Reagan und der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow auf sensationelle Weise an. Beide sprechen sich für die Abschaffung aller Atomwaffen aus und wollen als ersten Schritt alle nuklearen Mittelstreckenraketen (INF) in Europa beseitigen sowie die Zahl der strategischen Offensivwaffen halbieren. Doch zum Durchbruch kommt es noch nicht, weil Reagan sich weigert, in ein zehnjähriges Testverbot für SDI einzuwilligen.

In einem Brief an Gorbatschow vom 10. November 1986 lobt Willy Brandt, dass in Reykjavik ein neues Denken begonnen habe. Zugleich äußert er sein Unverständnis über Bundeskanzler Helmut Kohl, der Gorbatschow mit NS-Propagandaminister Goebbels verglichen hat.

Unterwegs im Wahlkampfsonderzug

Im Bundestagswahlkampf 1986/87 ist die Bahn wieder ein beliebtes Verkehrsmittel für die Spitzenpolitiker der SPD. Anfang Dezember 1986 macht ein Sonderzug mit Willy Brandt Station in Neustadt a. d. W., Böblingen, Reutlingen, Oberndorf, Villingen-Schwenningen und Konstanz. Mitte Januar 1987 stehen für ihn Neuß, Bottrop, Münster, Hamburg, Elmshorn und Flensburg auf dem Fahrplan.

Das von Kanzlerkandidat Johannes Rau ausgegebene Ziel einer eigenen Mehrheit scheint derweil aber unerreichbar für die SPD. Der Skandal um das Gewerkschaftsunternehmen „Neue Heimat“ belastet ihren Wahlkampf. Nach starken Verlusten der Partei bei Wahlen in Bayern und Hamburg im Herbst 1986 wird Kritik am Führungsstil des SPD-Vorsitzenden laut und über dessen Rücktritt spekuliert. Beides weist Brandt energisch zurück.

Bundestagswahl: Erneute Niederlage der SPD

Bei der Wahl zum 11. Deutschen Bundestag am 25. Januar 1987 verfehlt die SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Johannes Rau die ursprünglich angestrebte eigene Mehrheit deutlich. Das Ergebnis von 37,0% (-1,2) ist allerdings besser, als manche Beobachter angesichts des Wahlkampfverlaufs vermutet haben. Klarer Wahlsieger ist erneut die CDU/CSU mit Bundeskanzler Helmut Kohl.

Die Union erreicht 44,3%, muss aber mit -4,5 Prozentpunkten gegenüber der Bundestagswahl 1983 deutliche Verluste hinnehmen. CDU und CSU können gleichwohl die Koalition mit der FDP fortsetzen, die 9,1% (+2,1) erzielt. Die stärksten Zugewinne verbuchen „Die Grünen“, die sich auf 8,3% (+2,7) verbessern. Wie schon 1983 eröffnet Willy Brandt am 18. Februar 1987 in Bonn als Alterspräsident die Konstituierende Sitzung des neugewählten Parlaments.

Buch über Menschenrechte

In einer programmatischen Schrift, die im Februar 1987 erscheint, bringt Willy Brandt seine persönlichen Ansichten und Erfahrungen zum Thema Menschenrechte zu Papier. Im Vorwort des Buchs „Menschenrechte – mißhandelt und mißbraucht“ lehnt er es ab, die Verletzung von Menschenrechten in anderen Staaten als Propagandawaffe im ideologischen Kampf zu benutzen. Vielmehr müsse das Ziel der Politik immer die Rettung der Opfer sein.

Zu den weiteren, durchaus umstrittenen Maximen des SPD-Vorsitzenden und Präsidenten der Sozialistischen Internationale gehört die Gleichwertigkeit von sozialen, bürgerlichen und politischen Menschenrechten. Darüber hinaus müsse sich, wer zum Westen gehöre, strengere Beurteilungsmaßstäbe gefallen lassen. Auch hält Brandt die Sicherung des Friedens für genau so wichtig wie die Wahrung der Menschenrechte.

Beim praktischen Engagement für politisch Verfolgte setzt der Altkanzler eher auf die Mittel der hinter den Kulissen arbeitenden stillen Diplomatie als auf lautstarken öffentlichen Protest. Bei seinen Gesprächen mit den kommunistischen Führungen im Ostblock und mit westlich orientierten Diktaturen übergibt er stets diskret Namenslisten mit dringenden Fällen, um die Freilassung politischer Gefangener oder Hafterleichterungen zu erreichen, Familien zusammenzuführen und Ausreisen zu ermöglichen. Obwohl viele seiner Interventionen erfolgreich sind, erwirbt sich Brandt in der Öffentlichkeit nicht den Ruf eines unermüdlichen Verfechters der Menschenrechte.

Rücktritt als SPD-Vorsitzender

Nach mehr als 23 Jahren an der Parteispitze kündigt Willy Brandt am 23. März 1987 seinen Rücktritt als SPD-Vorsitzender an. Anlass ist der starke Protest vieler Sozialdemokraten gegen die Berufung der parteilosen Griechin Margarita Mathiopoulos zur Vorstandssprecherin. Der seit längerem schwelende Unmut über Brandts Führungsstil hat nach der verlorenen Bundestagswahl weiter zugenommen.

In seiner Rücktrittserklärung vor dem Parteivorstand, die einer Abrechnung gleichkommt, wehrt sich der 73-Jährige gegen die Kritik. Er beklagt die Disziplinlosigkeit in der SPD und nennt die Diskussion um die neue Sprecherin „einen Aufstand von Spießertum“. Im Nachhinein hält Brandt es für einen Fehler, dass er vor dem Parteitag in Nürnberg erklärt hat, 1988 nicht wieder für den Vorsitz zu kandidieren.

SPD-Parteitag in Bonn: Abschied vom Vorsitz

Auf einem außerordentlichen Parteitag in der Bonner Beethovenhalle verabschiedet sich Willy Brandt am 14. Juni 1987 als Parteivorsitzender der SPD. Zu seinem Nachfolger wählen die Delegierten Hans-Jochen Vogel, der bereits den Vorsitz der SPD-Bundestagsfraktion innehat. Brandt wird zum Ehrenvorsitzenden der Partei ernannt.

In einer eindrucksvollen Rede blickt der 73-Jährige auf sein langes politisches Leben zurück und versucht Perspektiven aufzuzeigen, wie die Sozialdemokraten in der Bundesrepublik wieder an die Regierung kommen könnten. Er mahnt die SPD, für gesellschaftliche Veränderungen offen zu sein und sich ständig zu erneuern. Besonders hebt Brandt hervor, wie viel ihm persönlich der Grundwert der Freiheit bedeutet. Den Parteifreunden verspricht er, „nicht von Bord zu gehen“.

Honecker-Besuch in der Bundesrepublik

Vom 7. bis 11. September 1987 reist DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker (SED) erstmals zu einem offiziellen Besuch in die Bundesrepublik. In Bonn wird er von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) mit militärischen Ehren empfangen.

Am Abend des zweiten Tages trifft Honecker im Hotel Bristol zu einem Gespräch mit Willy Brandt zusammen. Der SPD-Ehrenvorsitzende ist sehr bewegt, als Honecker ihm für den großen Beitrag zur Entspannung in Europa und zur Normalisierung der deutsch-deutschen Beziehungen dankt.

Des Weiteren reden beide über das bevorstehende Abkommen über die atomaren Mittelstreckenwaffen (INF) und die Beziehungen zwischen SPD und SED. Am 27. August 1987 haben die beiden Parteien ihr umstrittenes Dialogpapier „Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit“ veröffentlicht.

Konferenz und Rats­tagung der SI in Dakar

In Senegals Hauptstadt hält die Sozialistische Internationale (SI) am 15./16. Oktober 1987 eine Ratstagung ab. Drei Tage zuvor hat sie in Dakar mit Beteiligung 23 afrikanischer Organisationen und Parteien bereits eine Konferenz über „Demokratie und Entwicklung“ veranstaltet.

In seiner Rede zur Eröffnung des Rates bekräftigt Willy Brandt die Unterstützung der Internationale für die demokratischen Apartheid-Gegner in Südafrika und die „Frontstaaten“ im südlichen Afrika. Ferner fordert der SI-Präsident einen Schuldenerlass für die ärmsten Länder. Als Bedingung für eine Mitgliedschaft in der Internationale nennt er die Anerkennung von politischem Pluralismus. Das heißt aber nicht, dass in dem Land, aus dem die beitrittswillige Partei stammt, ein Mehrparteien-System existieren muss.

Null-Lösung für atomare Mittelstreckenwaffen

Am 8. Dezember 1987 unterzeichnen US-Präsident Ronald Reagan und der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow den INF-Vertrag. Binnen drei Jahren sollen alle landgestützten Atomraketen der USA und der Sowjetunion mit 500 bis 5500 Kilometern Reichweite vollständig zerstört werden, darunter alle SS-20, Cruise Missiles und Pershing II.

Die Null-Lösung, die von der SPD sehr begrüßt wird, lässt auch Willy Brandt auf weitere Abrüstungsschritte bei Kurzstrecken- und Interkontinentalraketen sowie im konventionellen Bereich hoffen. In einer Rede vor dem Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) am 18. September 1987 hat der SPD-Ehrenvorsitzende die Europäer bereits aufgefordert, eigene Konzepte für die gemeinsame Sicherheit und eine „Europäische Friedensordnung“ zu entwickeln.

Unterwegs in euro­päischen Metropolen

In den ersten drei Monaten des Jahres 1988 ist Willy Brandt viel in Europa unterwegs. Im Januar nimmt er an einem viertägigen Treffen von 76 Nobelpreisträgern im Pariser Élysée-Palast teil, besucht in Madrid den Parteitag der Spanischen Sozialisten, ist in Straßburg beim Start einer Nord-Süd-Kampagne des Europarats dabei und eröffnet in Berlin eine August-Bebel-Ausstellung.

Mitte Februar 1988 fliegt Brandt nach Genf zu einer Sitzung des Abrüstungsrates der Sozialistischen Internationale (SI). Anschließend reist er zu Buchvorstellungen nach Madrid und Barcelona. Für eine Veranstaltung der Sozialistischen Fraktion des Europa-Parlaments macht der SPD-Ehrenvorsitzende und SI-Präsident Ende Februar erneut in Paris Station und Anfang März steht in London eine Konferenz der Labour Party auf dem Programm.

Treffen mit Gorbat­schow und Sacharow

Im Frühjahr 1988 kommt es im Kreml zur zweiten Begegnung Willy Brandts mit dem sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow. In ihrem Gespräch am 5. April 1988 sind nicht nur Ost-West-Fragen und die Nord-Süd-Beziehungen Thema, sondern auch die innenpolitischen Entwicklungen in der Sowjetunion. Unter den Leitbegriffen „Glasnost“ (Offenheit, Transparenz) und „Perestroika“ (Umbau, Wandel) versucht Gorbatschow den Sowjetstaat zu demokratisieren.

Was Brandt aus erster Hand darüber erfährt, findet er „atemberaubend interessant“. Die „Perestroika“ sei „einer Revolution verwandt“, schwärmt der SPD-Ehrenvorsitzende. Während seines Aufenthalts in Moskau trifft Brandt auch mit dem sowjetischen Dissidenten Andrej Sacharow zusammen, der Ende 1986 aus jahrelanger Verbannung freigelassen worden ist.

Appell an Ceaușescu und Gorbatschow

Anfang August 1988 wendet sich Willy Brandt in geheim gehaltenen Briefen an die Staats- und Parteichefs der Sowjetunion und Rumäniens, Michail Gorbatschow und Nicolae Ceaușescu. Er tut dies auf Bitten Ungarns, dessen Verhältnis zum Nachbarn und Warschauer-Pakt-Verbündeten Rumänien stark angespannt ist.

Das Ceaușescu-Regime hat im Frühjahr 1988 damit begonnen, tausende Dörfer zu zerstören und deren Einwohner zwangsumzusiedeln. Von dieser schweren Verletzung der KSZE-Schlussakte ist vor allem die ungarische Minderheit in Rumänien betroffen, zu der rund zwei Millionen Menschen zählen.

Doch Brandts Appelle bleiben ergebnislos. Gorbatschow sieht sich außerstande einzugreifen und Ceaușescu, der sich international immer mehr isoliert, antwortet nicht einmal auf das Schreiben des Altkanzlers.

Strittige Sätze zur Wiedervereinigung

Ein Vortrag des SPD-Ehrenvorsitzenden bei der Veranstaltung „40 Jahre Grundgesetz – Hoffnung und Verpflichtung“ am 14. September 1988 in der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn provoziert heftige Kritik von konservativer Seite. Erneut distanziert sich Willy Brandt entschieden vom Begriff „Wiedervereinigung“:

„Wir haben lange so getan, ich auch, (…) als verpflichte uns das Grundgesetz zur Wiedervereinigung. (…) Als ob die Geschichte und die europäische Wirklichkeit für uns eine Anknüpfung an das Bismarck-Reich bereithielte. Oder als ob sich das ganze Problem darauf reduziere, wie sich der Anschluss der DDR an die Bundesrepublik Deutschland vollziehen lasse oder vollziehen werde.“ Die „Hoffnung auf Wiedervereinigung“ sei „geradezu zu einer Lebenslüge der zweiten Deutschen Republik“ geworden.

Zahlreiche Termine im In- und Ausland

Auch im Herbst 1988 ist Willy Brandt wieder viel auf Reisen. Kurz nach dem SPD-Bundesparteitag in Münster nimmt er am 8./9. September in Berlin an einer Sitzung des Wirtschaftspolitischen Ausschusses der Sozialistischen Internationale teil. Es folgen ein Kongress in Pisa und ein Symposium über „Die Welt 10 Jahre nach dem Brandt-Bericht“ in Wien.

Im November 1988 ist Brandt wieder in der Donaustadt, um einer Ausstellungseröffnung zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung beizuwohnen. Im selben Monat tritt der 74-Jährige auch bei einem internationalen Kongress in Hamburg zum Thema „Klima und Entwicklung“ auf und weilt außerdem in Athen. Anfang Dezember leitet Brandt in Paris eine SI-Ratstagung. Die Frühjahrstagung des Rats hat unter seiner Führung Mitte Mai 1988 in Madrid stattgefunden.

Geburtstagsempfang beim Präsidenten

Am 18. Dezember 1988 ist Willy Brandt 75 Jahre alt geworden. Zu Ehren des Jubilars lädt Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 20. Januar 1989 zu einem Empfang in die Villa Hammerschmidt in Bonn ein. In einer Ansprache würdigt er Brandt mit den Worten: „Ihnen ist in der Politik etwas ganz Seltenes gelungen: In Ihrer Person haben Sie die Spannung zwischen Macht und Moral aufgehoben.“

Zu den internationalen Gästen, die sich mit dem Ehepaar Brandt zum Gruppenfoto aufstellen, zählen u. a.: François Mitterrand, Mário Soares, Shimon Peres, Helmut Kohl, Gro Harlem Brundtland, Hans-Dietrich Genscher, Johannes Rau, Hans-Jochen Vogel, Shridath Ramphal, Rainer Barzel, Björn Engholm, Peter Glotz, Holger Börner, Ingvar Carlsson, Walter Scheel, Oskar Lafontaine, Bruno Kreisky, Egon Bahr und Valentin Falin.

Protest gegen Aufruf zum Mord an Rushdie

Am 14. Februar 1989 ruft der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini alle Muslime zum Mord an Salman Rushdie auf, dem britischen Autor des Buchs „Die Satanischen Verse“. Das Werk lästere den Propheten Mohammed und den Koran, so Khomeini. Auf die Tötung Rushdies, der untertauchen muss, setzt der Iran hohe Belohnungen aus.

Im Westen löst der Mordaufruf Empörung und Protest aus, denen sich auch Willy Brandt anschließt. In einem Telegramm appelliert der SPD-Ehrenvorsitzende am 17. Februar 1989 an UNO-Generalsekretär Javier Pérez de Cuéllar, sich dafür einzusetzen, dass „diese für das Zusammenleben der Völker unerträgliche Todesdrohung zurückgenommen wird“.

Bis heute ist der Mordaufruf nicht aufgehoben worden. Das Kopfgeld für Rushdies Tod beträgt inzwischen über 4 Millionen US-Dollar.

Erfolglose Initiative für zweiten Nord-Süd-Gipfel

In einem Brief an den neuen US-Präsidenten George Bush regen Willy Brandt und Shridath Ramphal am 1. März 1988 die Einberufung eines Gipfels nach dem Vorbild des Treffens von Cancún 1981 an. Ein gleichlautendes Schreiben richten sie auch an den sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow.

Schon seit 1984 denkt Brandt über eine Cancún-II-Initiative nach, die er auch gegenüber anderen Staatsmännern und -frauen schon ins Gespräch gebracht hat. Nun halten er und seine Mitstreiter aus der Nord-Süd-Kommission die internationale Lage für besonders günstig. Angesichts der Schuldenkrise und der wirtschaftlichen Schwäche vieler Entwicklungsländer sowie wachsender globaler Probleme, wie Umweltzerstörung, Klimaerwärmung, Bevölkerungswachstum und Drogenhandel, sind Brandt und Ramphal von der Notwendigkeit eines zweiten Nord-Süd-Gipfels überzeugt.

Anfang März 1989 reist der Deutsche nach Washington, um den Brief an Bush persönlich zu überbringen. Doch an der Pforte des Weißen Hauses muss Willy Brandt sich vorstellen und seinen Namen buchstabieren. Drinnen wird er lediglich von Sicherheitsberater Brent Scowcroft empfangen. Die US-Regierung ist an der Cancún-II-Initiative offenkundig nicht interessiert. Erst im August 1989 erhält Brandt eine schriftliche Antwort von Scowcroft. Demnach zweifelt die Bush-Administration am Nutzen eines Gipfels. Wirtschaftliche Entwicklung könne am besten erreicht werden durch Reformen, „die den Marktkräften freien Lauf lassen“, schreibt der Präsidentenberater.

Umbruch in Polen und Ungarn

Am „Runden Tisch“ vereinbaren die kommunistische Regierung und die Opposition in Polen am 5. April 1989 die Wiederzulassung der Gewerkschaft Solidarność, die zwei Monate später die teilweise freien Wahlen überwältigend gewinnt. Auch in Ungarn weht der Wind der Veränderung. Die dortigen Kommunisten sprechen sich für ein Mehrparteiensystem aus und beginnen ab Mai 1989 mit dem Abbau der Sperranlagen an der Grenze zu Österreich.

Die Sowjetunion lässt den Wandel zu. Gorbatschow erklärt, jeder Staat habe das Recht, seinen eigenen Weg zu wählen. Willy Brandt ist fasziniert von den Veränderungen. Er glaubt, dass die Teile Europas bis zum Jahr 2000 wieder zusammenwachsen werden. Die beiden deutschen Staaten könnten „zu einer Konföderation zusammenfinden oder ein gemeinsames staatliches Dach bilden“.

Gorbatschow in der Bundesrepublik

Bei seinem ersten Staatsbesuch in der Bundesrepublik Mitte Juni 1989 wird der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow von den Deutschen mit großer Sympathie empfangen. Neben seinen Beratungen mit Bundeskanzler Helmut Kohl hat der Gast auch Zeit für Gespräche mit Vertretern der oppositionellen SPD.

Am 15. Juni 1989 fahren Gorbatschow und sein Außenminister Eduard Schewardnadse mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau und Willy Brandt im Zug von Bonn nach Dortmund. Unterwegs beweist der SPD-Ehrenvorsitzende seinen Sinn für Humor, als er die Reformunwilligkeit der DDR-Führung in einem Witz auf den Punkt bringt.

In einer Rede im Bundestag lobt Brandt tags darauf die Ergebnisse des Besuchs, insbesondere die von Kohl und Gorbatschow unterzeichnete Gemeinsame Erklärung.

SI-Kongress in Stockholm

Tradition und Aufbruch kennzeichnen den Kongress der Sozialistischen Internationale (SI) vom 20. bis 22. Juni 1989 in Stockholm. Die SI feiert den 100. Jahrestag der Gründung der Zweiten Internationale und verabschiedet eine neue Grundsatzerklärung.

In seiner Rede wirbt Willy Brandt für den demokratischen Sozialismus und bietet den Reformkräften im Osten die Zusammenarbeit an. Der wiedergewählte Präsident grenzt sich zugleich klar von der kommunistischen Führung Chinas ab, die Anfang Juni die Demokratiebewegung in Peking niedergewalzt hat.

Erstmals ist die PLO offiziell als Beobachterin bei einem SI-Kongress dabei. Dass die Israelische Arbeitspartei deswegen absagt, bedauert Brandt. In einem Gespräch mit Shimon Peres hat er zuvor aber deutlich gemacht, an der Einladung der PLO festzuhalten.

Fertigstellung der „Erinnerungen“

Im Sommer 1989 stellt Willy Brandt das Manuskript für seine „Erinnerungen“ fertig. Seine Frau Brigitte unterstützt ihn mit Rat und Tat. Die Autobiografie erscheint in dem zum Springer-Konzern gehörenden Ullstein-Verlag und kommt im Oktober 1989 auf den Markt. Brandts Rückblick auf sein faszinierendes politisches Leben findet viele Leser und wird immer wieder aufgelegt.

Mit Blick auf Deutschland und Europa klingen zwei Passagen im Buch fast visionär: „Warum, mit welchem Recht und aufgrund welcher Erfahrung ausschließen, dass eines Tages in Leipzig und Dresden, Magdeburg und Schwerin – und in Ostberlin – nicht Hunderte, sondern Hunderttausende auf den Beinen sind und ihre staatsbürgerlichen Rechte einfordern? (…) Und Berlin? Und die Mauer? Die Stadt wird leben, und die Mauer wird fallen.“

Massenflucht aus der DDR

Da sich das SED-Regime jeglicher Reform verweigert, wollen immer mehr Menschen die DDR verlassen. Die große Fluchtwelle setzt im Spätsommer 1989 ein. Am 10. September erlaubt Ungarns Regierung den zu Zehntausenden ins Land gekommenen DDR-Bürgern, über Österreich in die Bundesrepublik auszureisen.

Zur selben Zeit flüchten tausende Ostdeutsche in die Bonner Botschaften in Prag und Warschau, um ihre Ausreise zu erzwingen. In der DDR wächst zugleich die Zahl derer, die offen gegen die SED und für Veränderungen demonstrieren.

In einer Rede vor dem Bundestag erklärt Willy Brandt am 1. September 1989, die Zeit der „Politik der kleinen Schritte“ gehe zu Ende. Zwanzig Tage später schreibt er in einem Beitrag für die „Bild“-Zeitung, dass die deutsche Frage auf die europäische Tagesordnung gerückt sei.

Bei Gorbatschow in Moskau

Wenige Tage nach Besuchen in Athen und in Paris fliegt Willy Brandt Mitte Oktober 1989 nach Moskau, wo er einmal mehr mit Michail Gorbatschow zusammentrifft. Bei ihrem Meinungsaustausch am 17. Oktober 1989 geht es insbesondere um die Lage in der DDR. Der Frage, ob man für die beiden deutschen Staaten beim weiteren Zusammenwachsen Europas die Perspektive eines gemeinsamen Daches aufzeigen könne, weicht der Kremlchef aus.

Ebenso zurückhaltend reagiert Gorbatschow auf Brandts Information über die Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP), die sogleich ihre Aufnahme in die Sozialistische Internationale beantragt hat. In einem „Spiegel“-Interview berichtet Brandt, er stimme mit dem sowjetischen Präsidenten darin überein, dass es in der DDR rasch zu grundlegenden Veränderungen kommen müsse.

Reise nach Südkorea

Ende Oktober 1989 besucht Willy Brandt erstmals Südkorea, das 1987 den Übergang von der Militärdiktatur zur Demokratie geschafft hat. Auf dem Programm des SPD-Ehrenvorsitzenden stehen u. a. ein Treffen mit Staatspräsident Roe Tae-Woo, die Entgegennahme der Ehrendoktorwürde der National-Universität in Seoul, ein Vortrag zu den Perspektiven der internationalen Beziehungen, eine Fernsehdiskussion über „Ostpolitik in Deutschland und Nordpolitik in Korea“ sowie die Besichtigung der innerkoreanischen Grenze.

Besonders herzlich wird der deutsche Gast von Kim Dae Jung empfangen. Für den einst vom Militärregime verfolgten Oppositionspolitiker hat Brandt sich seit 1973 immer wieder eingesetzt. Vor allem einer Intervention des Altkanzlers verdankt es Kim, dass er 1980 nicht hingerichtet worden ist.

Grenzöffnung und Fall der Mauer

Von der ab sofort geltenden Reisefreiheit in der DDR erfährt Willy Brandt am Abend des 9. November 1989 im Bonner Bundestag. Doch erst am nächsten Morgen bekommt er durch einen frühen Anruf mit, dass noch in der Nacht die Grenze geöffnet worden ist. Wenige Stunden später steht der tief bewegte Altkanzler inmitten einer Menschenmenge vor der Berliner Mauer am Brandenburger Tor.

Mittags erklärt er in einem Interview am Rathaus Schöneberg: „Jetzt sind wir in einer Situation, in der wieder zusammenwächst, was zusammengehört.“ Auf einer Kundgebung vor dem Rathaus, bei der auch Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher auftreten, hält Brandt am Abend eine Rede. Anschließend fährt er mit Hans-Jochen Vogel nach Ost-Berlin zu einem Treffen mit Vertretern der Sozialdemokratischen Partei in der DDR.

SI-Ratssitzung in Genf

Die Tagung des Rats der Sozialistischen Internationale (SI) in Genf am 23./24. November 1989 steht ganz unter dem Eindruck des Falls der Berliner Mauer und der dramatischen Umwälzungen in Ostmitteleuropa.

Auf Einladung Willy Brandts nimmt an der Sitzung auch eine Delegation der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP) teil. Sie hat schon bei ihrer Gründung am 7. Oktober 1989 einen Antrag auf Aufnahme in die SI gestellt. In Genf erhält die SDP den Status „ständiger Gast“.

In dieser Phase sind Brandt die Kontakte zu den europäischen Partnern besonders wichtig: Bereits in der ersten Novemberhälfte hat er in Mailand an einem SI-Parteiführer-Treffen teilgenommen, ist nach Amsterdam gereist und hat sich in Brüssel mit Mitgliedern der Sozialistischen Fraktion des Europa-Parlaments getroffen.

Rede in der Rostocker Marienkirche

Auf Einladung von Sozialdemokraten der Hansestadt kommt Willy Brandt am 6. Dezember 1989 zu seinem ersten öffentlichen Auftritt in der DDR nach Rostock. Pfarrer Joachim Gauck hat dafür die St. Marienkirche zur Verfügung gestellt. Wegen der Überfüllung der Kirche wird die Rede des SPD-Ehrenvorsitzenden über Lautsprecher auch in die umliegenden Straßen übertragen, so dass fast 50.000 Menschen sie hören können.

Es bewegt Brandt sehr, nach 53 Jahren wieder seinen Fuß auf Rostocker Boden zu setzen. Er fordert freie Wahlen in der DDR und spricht sich bereits für eine Währungsunion mit der Bundesrepublik aus. Der 75-Jährige bekennt sich klar zur Einheit der Nation, kann sich aber eine „Wiedervereinigung“ nur schwer vorstellen. Zu diesem Zeitpunkt schwebt ihm stattdessen ein „deutscher Bund“ vor.

Außerordentlicher SPD-Parteitag in Berlin

Auf einem außerordentlichen Parteitag, der wegen des Mauerfalls kurzfristig von Bremen nach Berlin verlegt worden ist, verabschiedet die SPD am 20. Dezember 1989 ihr neues Grundsatzprogramm. Hauptforderung darin ist der ökologische Umbau der Industriegesellschaft. Doch dieses Thema wird von der demokratischen Revolution in der DDR und in Osteuropa eher in den Hintergrund gedrängt.

Es ist vor allem Willy Brandt, der dem Parteitag mit einer Rede für die deutsche Einheit seinen Stempel aufdrückt. An seinem 76. Geburtstag betont der SPD-Ehrenvorsitzende: „Noch so große Schuld einer Nation kann nicht durch eine zeitlos verordnete Spaltung getilgt werden.“ Das zielt auf die Argumentation der Skeptiker und Gegner einer nationalen Vereinigung, deren Wortführer Oskar Lafontaine und Günter Grass sind.

Konferenz „10 Jahre Brandt-Report“

Zehn Jahre nach der Veröffentlichung des ersten Brandt-Reports lädt die Friedrich-Ebert-Stiftung zu einer Nord-Süd-Konferenz nach Königswinter bei Bonn ein. Zu den Teilnehmern zählen neben Mitgliedern von Willy Brandts ehemaliger Nord-Süd-Kommission auch Politiker und Experten, die einer der drei von Olof Palme, Gro Harlem Brundtland und Julius Nyerere geleiteten unabhängigen Kommissionen angehört haben.

In seiner Eröffnungsrede fordert Brandt, dass die 1990er Jahre das Jahrzehnt globaler Verhandlungen werden müssten. Zugleich skizziert er Elemente für eine zukünftige Weltordnungspolitik und gibt so den Anstoß für eine neue Arbeitsgruppe. Sie wird im Juni 1990 unter dem Vorsitz von Ingvar Carlsson in Stockholm gegründet und entwickelt Vorschläge für eine Reform des internationalen Systems.

Ehrenvorsitzender der Ost-SPD

Vom 22. bis 25. Februar 1990 findet in Leipzig der erste ordentliche Parteitag der Sozialdemokraten in der DDR statt. Mitte Januar 1990 hat sich die Partei, die sich am 7. Oktober 1989 als SDP gegründet hat, in SPD umbenannt. Ihre Beziehungen zur West-SPD sind inzwischen sehr eng. Der Leipziger Parteitag wählt Ibrahim Böhme zum Vorsitzenden und ernennt den anwesenden Willy Brandt zum Ehrenvorsitzenden auch der Ost-SPD.

Wegen seines entschiedenen Eintretens für die deutsche Einheit genießt der 76-Jährige besonders hohes Ansehen in Ostdeutschland. Zu seinen Auftritten in der DDR kommen Zehntausende auf die Straßen und Marktplätze wie sonst nur bei Bundeskanzler Helmut Kohl. Ende Februar 1990 hält Brandt Reden in Leipzig, Plauen und Zwickau. Ende Januar hat er schon Eisenach und Gotha besucht.

Enttäuschung bei der DDR-Volkskammerwahl

Das Ergebnis der ersten freien Wahlen zur Volkskammer, dem Parlament der DDR, am 18. März 1990 ist für die Sozialdemokraten eine bittere Enttäuschung. Die favorisierte Ost-SPD erhält nur 21,9% der Stimmen. Klare Siegerin ist mit 48,1% das Wahlbündnis „Allianz für Deutschland“, zu dem die Parteien Ost-CDU, Demokratischer Aufbruch (DA) und Deutsche Soziale Union (DSU) zählen.

Auch Willy Brandt hat mit einem deutlich besseren Resultat für die SPD gerechnet. Als nimmermüder Wahlkämpfer ist er im März 1990 in Erfurt, Weimar, Gera, Dresden, Chemnitz, Eberswalde, Frankfurt/Oder, Neuruppin, Potsdam, Wismar, Greifswald, Stralsund und Rostock aufgetreten.

Im April 1990 bilden die Allianzparteien, die SPD und die Liberalen eine große Koalition. Neuer Ministerpräsident wird Lothar de Maizière (CDU).

Treffen mit Felipe González in Madrid

Während eines zweitägigen Besuchs in der spanischen Hauptstadt Anfang April 1990 trifft Willy Brandt wieder einmal mit Felipe González zusammen. Die Begegnung der beiden langjährigen Freunde ist wie immer von besonderer Herzlichkeit geprägt.

Der sozialistische Ministerpräsident, der seit 1982 im Amt ist, hat ein halbes Jahr zuvor zum dritten Mal die Parlamentswahlen in Spanien gewonnen. In der Europäischen Gemeinschaft ist González einer der wenigen Regierungschefs, der nach dem Fall der Mauer den Prozess der deutschen Einigung vorbehaltlos unterstützt.

In Brandts Terminkalender steht außerdem eine Veranstaltung institutioneller Investoren in Madrid. Dort hält er eine Rede zum Thema „Revolutions in Eastern Europe – and where it may lead to“.

Weltweit gefragt und verehrt

Im Mai 1990 absolviert Willy Brandt ein sehr anstrengendes Reiseprogramm: Am 5. Mai fliegt er in die USA, um in Providence (Rhode Island) eine weitere Ehrendoktorwürde zu empfangen.

Vom 9. bis 11. Mai hält sich der 76-Jährige in Bergen (Norwegen) auf, wo er in einer Fernsehdiskussion mit Gro Harlem Brundtland auftritt. Am 14./15. Mai ist Brandt auf Einladung des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Vaclav Havel in Prag und Bratislava zu Gast. Eine Woche später nimmt er als Präsident der Sozialistischen Internationale an einer SI-Ratssitzung in Kairo teil.

Am 24. Mai geht es für neun Tage weiter nach Pakistan, Indien und auf die Philippinen. Dabei führt Brandt u. a. Gespräche mit Premierministerin Bhutto in Islamabad, Regierungschef Singh in Neu-Delhi und Staatspräsidentin Aquino in Manila.

Empfang für Nelson Mandela in Bonn

Vier Monate nach seiner Freilassung aus der 27 Jahre währenden Gefängnishaft kommt Nelson Mandela am 11. Juni 1990 erstmals nach Bonn. Neben Gesprächen mit dem Bundespräsidenten, dem Kanzler und mehreren Ministern steht für den Gast aus Südafrika auch ein Besuch in der SPD-Parteizentrale auf dem Programm. Dort wird Mandela, der sich bei den Sozialdemokraten für die Unterstützung des Freiheitskampfs der schwarzen Südafrikaner bedanken möchte, von tausenden Menschen begeistert empfangen.

In seiner Begrüßungsrede erklärt Willy Brandt, schon als Gefangener sei Mandela ein Symbol der Unerschrockenheit, der Überzeugungstreue und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft gewesen. „Der freigelassene Nelson Mandela ist noch mehr: Er ist ein Symbol der Versöhnungsbereitschaft und des Friedens zugleich.“

Inkrafttreten der Währungsunion

Mit der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion am 1. Juli 1990 wird die D-Mark auch in der DDR eingeführt. Der dafür zwischen beiden deutschen Staaten geschlossene Vertrag ist in der SPD jedoch umstritten. Gegen den Willen von Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine stimmt die SPD-Bundestagsfraktion dem Staatsvertrag am 21. Juni 1990 mit großer Mehrheit zu.

Das ist insbesondere ein Verdienst des Parteivorsitzenden Hans-Jochen Vogel und des Ehrenvorsitzenden Willy Brandt. In einem Brief an Lafontaine vom 18. Mai und in einer Rede vor der Fraktion am 14. Juni erklärt Brandt, warum er im Bundestag keinesfalls mit Nein stimmen werde. Hiernach kann die SPD-Spitze den bei einem Attentat Ende April 1990 schwer verletzten Lafontaine nur mit Mühe davon abbringen, die Kanzlerkandidatur niederzulegen.

Abschied von Bruno Kreisky

Am 29. Juli 1990 stirbt der Sozialdemokrat und ehemalige österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky. Willy Brandt hat den engen Weggefährten, dem er fünfzig Jahre zuvor in Schweden zum ersten Mal begegnet ist, zuletzt im Juni 1990 getroffen. Bei der Beisetzung in Wien am 7. August 1990 hält der Präsident der Sozialistischen Internationale (SI) und Ehrenvorsitzende der SPD die Grabrede.

Darin hebt Brandt die Verdienste Kreiskys um das Wohl Österreichs, Europas und der Welt hervor und würdigt besonders dessen Engagement in der SI und für den Frieden im Nahen Osten. Stellvertretend für viele dankt er Kreisky für Ermutigung, Hilfe und Ermahnung, aber auch für manche Herausforderung. Brandt verabschiedet sich von dem Toten mit den Worten: „Ruhe in Frieden, lieber schwieriger und guter Freund!“

Vereinigungsparteitag der SPD

Sechs Tage vor der Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands vereinigen sich am 27. September 1990 in Berlin die West- und die Ost-SPD. 67 Jahre nach dem Verbot durch die Nazis und 44 Jahre nach der Zwangsvereinigung mit der KPD in der Sowjetzone gibt es wieder eine Sozialdemokratische Partei für das ganze Land.

Gemeinsam mit den Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel und Wolfgang Thierse sowie Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine unterzeichnet der Ehrenvorsitzende Willy Brandt die Vereinigungsurkunde. Das Manifest, das dazu verabschiedet wird, stammt weitgehend aus seiner Feder.

Unzufrieden ist Brandt indes mit der skeptischen Haltung Lafontaines und einiger Parteifreunde zur Deutschen Einheit. Zwei Monate vor der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl ist die SPD in dieser Frage uneins.

Tag der Deutschen Einheit

Mit dem Beitritt des Gebiets der DDR zum Grundgesetz wird am 3. Oktober 1990 die staatliche Einheit Deutschlands wiederhergestellt. Bei der Feier vor dem Berliner Reichstagsgebäude steht Willy Brandt um Mitternacht mit Tränen in den Augen neben Bundespräsident Richard von Weizsäcker, Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf der Ehrentribüne.

Zum großen Ärger von SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine haben Brandt und Kohl schon wenige Tage zuvor bei einem gemeinsamen Fernsehinterview ihren überparteilichen Konsens in puncto Deutsche Einheit demonstriert. Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagssitzung am 4. Oktober 1990 in Berlin ist es auch der SPD-Ehrenvorsitzende Brandt, der für seine Fraktion als Erster auf die Regierungserklärung des Kanzlers antwortet.

Heikle Mission in Bagdad

Im August 1990 hat Irak seinen Nachbarn Kuwait überfallen und annektiert. Daraufhin verlangt die UNO ultimativ den Abzug des irakischen Militärs. Während die USA ein Bündnis gegen den Aggressor schmieden und Truppen in Saudi-Arabien stationieren, hält Iraks Diktator Saddam Hussein mehrere Tausend Ausländer fest.

Wie zuvor andere westliche Politiker, aber ohne Rückendeckung der Bundesregierung reist Willy Brandt am 5. November 1990 nach Bagdad, um Geiseln freizubekommen. Zudem möchte er als Präsident der Sozialistischen Internationale die Chancen auf Frieden ausloten.

Nach zwei Gesprächen mit Saddam und schwierigen Verhandlungen kann Brandt fast 200 Menschen, darunter 138 Deutsche, mit nach Hause nehmen. Erfolglos sind dagegen seine Bemühungen, den Irak zum Rückzug aus Kuwait zu bewegen.

Bundestagswahl: Herbe SPD-Verluste

Die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 endet wie erwartet mit einem klaren Sieg für die Koalitionspartner CDU/CSU und FDP. Die Union mit Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) erzielt 43,8% der Stimmen, die Liberalen mit Außenminister Hans-Dietrich Genscher kommen auf 11,0%. Die SPD mit Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine erreicht nur 33,5%. Während die Grünen an der 5%-Hürde scheitern, ziehen Bündnis 90 und die SED-Nachfolgepartei PDS in das Parlament ein.

Aus seiner Enttäuschung über das schwache Abschneiden der SPD macht Willy Brandt keinen Hehl. In einem Diskussionsbeitrag vor dem Parteivorstand in Bonn kritisiert er am 3. Dezember, dass sich die SPD nicht klarer zur Deutschen Einheit bekannt habe. Noch in der Sitzung erklärt Lafontaine seinen Verzicht auf den Parteivorsitz.

Nein zum Golfkrieg

Wenige Stunden vor Ablauf des UNO-Ultimatums an den Irak zum Truppenabzug aus Kuwait debattiert der Bundestag in Bonn am 14. Januar 1991 über die Lage. Direkt nach der Regierungserklärung von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) ergreift Willy Brandt das Wort. In seiner Rede begründet der SPD-Ehrenvorsitzende, warum seine Partei auch nach dem Verstreichen des Ultimatums den Einsatz militärischer Mittel ablehnt.

Weder gebe es einen Automatismus zur Intervention noch seien nichtmilitärische Sanktionen gegen den Irak wirksam genug eingesetzt worden, so Brandt. Im Falle eines Kriegs am Persischen Golf befürchtet er einen Flächenbrand im Nahen Osten. Ungeachtet dessen beginnt drei Tage später der Angriff der von den USA angeführten Staatenkoalition. Mitte Februar 1991 ist Kuwait militärisch befreit.

Politischer Globetrotter

Willy Brandts Reiselust ist ungebrochen. Neben vielen Verpflichtungen in Deutschland hat er von September 1990 bis Januar 1991 Termine in Wien, Tampere, Göteborg, New York, London, Lissabon, Coventry, Los Angeles, Las Vegas und Tokio wahrgenommen.

Die nächste Auslandstour führt ihn im März 1991 einmal um den Globus. Zunächst hält Brandt sich in den USA zu Vorträgen in Louisville (Kentucky), Palm Springs und San Francisco (Kalifornien) auf. Anschließend fliegt der 77-Jährige erstmals nach Australien. Als Präsident der Sozialistischen Internationale leitet er in Sydney am 9./10. März ein Treffen der Parteiführer der SI.

Nach einem Abstecher in Neuseelands Hauptstadt Wellington trifft Brandt am 15. März 1991 in Singapur ein, wo er u. a. mit dem ehemaligen Premierminister Lee Kuan Yew spricht.

Stockholmer Initiative zu globaler Sicherheit

Mehr als 30 Politiker aus aller Welt, darunter Willy Brandt, Václav Havel, Gro Harlem Brundtland, Edward Heath, Robert S. McNamara und Julius Nyerere, veröffentlichen am 22. April 1991 die „Stockholmer Initiative zu globaler Sicherheit und Weltordnung“.

Das Memorandum zur Weiterentwicklung der Vereinten Nationen ist das Ergebnis einer von Ingvar Carlsson geleiteten Arbeitsgruppe und geht auf eine Anregung Brandts von Januar 1990 zurück. Die Initiative reagiert mit ihren Vorschlägen nicht zuletzt auf den Golfkrieg 1990/91.

Am 10. Mai 1991 übergibt der deutsche Altkanzler das Memorandum in New York an UNO-Generalsekretär Perez de Cuellar. Darauf aufbauend, wird 1992 die unabhängige „Commission on Global Governance“ gegründet. Krankheitsbedingt ist Brandt die Mitarbeit in diesem Gremium aber nicht mehr möglich.

Für UNO-Einsätze der Bundeswehr

Seit der Vereinigung am 3. Oktober 1990 betont Willy Brandt immer wieder, dass das größer gewordene Deutschland mehr internationale Verantwortung übernehmen müsse. In einem Interview für die „Süddeutsche Zeitung“ vom 10. Mai 1991 plädiert er dafür, der Bundeswehr die Teilnahme an Militäreinsätzen zu ermöglichen, die von den Vereinten Nationen verantwortet werden. Damit kann Brandt sich in der SPD nur zum Teil durchsetzen.

Vorbehaltlich einer Grundgesetzänderung stimmen die Sozialdemokraten auf ihrem Bundesparteitag Ende Mai 1991 einer deutschen Beteiligung an friedenserhaltenden UNO-Missionen (Blauhelmeinsätze) zu. Eine Teilnahme an Kampfeinsätzen schließen sie aber aus. Der Bremer Parteitag bringt zudem einen Wechsel an der Spitze: Zum neuen SPD-Vorsitzenden wird Björn Engholm gewählt.

Entscheidung für Berlin

Berlin ist seit dem 3. Oktober 1990 offiziell wieder Deutschlands Hauptstadt. Doch wo künftig Regierung und Parlament der erweiterten Bundesrepublik ihren Sitz haben sollen, ist offen geblieben. Am 20. Juni 1991 trifft der Bundestag seine Entscheidung über Bonn oder Berlin. Willy Brandt gehört zu den entschiedenen Befürwortern eines Umzugs vom Rhein an die Spree.

In der Debatte im Bonner Wasserwerk erinnert er an die seit 1949 getroffenen Beschlüsse und Versprechen des Bundestags für die Hauptstadt Berlin. Auf Unverständnis stößt indes seine Bemerkung, wonach in Frankreich niemand an einen Verbleib der Regierung in Vichy gedacht habe, als 1944 die Rückkehr nach Paris wieder möglich gewesen sei. Zur großen Freude Brandts setzt sich Berlin am Ende mit 338 zu 320 Stimmen gegen Bonn durch.

Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens

Im Sommer 1991 blicken Europa und die Welt mit Sorge auf die Entwicklungen in der Sowjetunion und in Jugoslawien. Im August unternehmen altkommunistische Kräfte in Moskau einen Putsch gegen Staatspräsident Michail Gorbatschow. Zwar scheitert der Umsturzversuch nach drei Tagen, aber der Zerfall der Sowjetunion ist nicht mehr aufzuhalten. Im Vielvölkerstaat Jugoslawien herrscht sogar Bürgerkrieg, nachdem Slowenien und Kroatien sich im Juni für unabhängig erklärt haben.

In einem Interview mit der Zeitung „Die Welt“ vom 16. September 1991 warnt der SPD-Ehrenvorsitzende Willy Brandt vor „übersteigertem Nationalismus“ und „Rassismus“. Für die Sicherheit in Europa setzt er primär auf die NATO statt auf EG oder KSZE. Das atlantische Bündnis habe sich als Stabilitätsfaktor erwiesen, so Brandt.

Operation wegen Darmkrebs

Wegen starker Schmerzen im linken Bein begibt sich Willy Brandt im September 1991 in ärztliche Behandlung. Nach mehreren Untersuchungen wird schließlich Darmkrebs diagnostiziert. Am 10. Oktober 1991 unterzieht Brandt sich an der Uniklinik in Köln einer Operation, die den Tumor entfernt. Neun Tage später verlässt der 77-Jährige das Krankenhaus und nach wenigen Wochen kann Brandt wieder einen Teil seiner Termine wahrnehmen.

Doch Gewebeproben zeigen, dass der Krebs sehr aggressiv gewesen ist und mit hoher Wahrscheinlichkeit zurückkehren wird. Das erfährt Brandts Frau Brigitte Seebacher vom behandelnden Arzt. Mit dem Mediziner ist sie sich einig: Es ist die richtige Entscheidung für ihren Mann, wenn er die mögliche, aber langwierige und sehr Kräfte zehrende Therapie nicht mehr durchmachen muss.

Rede zum Gedenken an Julius Leber

Bei einer Gedenkveranstaltung anlässlich des 100. Geburtstags von Julius Leber hält Willy Brandt am 15. November 1991 in der Berliner Gethsemane-Kirche die Rede „Vom Erbe des deutschen Widerstands“. Der SPD-Ehrenvorsitzende würdigt den Widerstandskämpfer als „lebenbejahenden, kraftvollen, zupackenden“ Mann, großen Sozialdemokraten und als deutschen Patrioten mit europäischer Perspektive.

Brandt erinnert dabei auch an seine persönlichen Verbindungen mit Leber, der in Lübeck bis zu ihrem Bruch 1931 sein erster Mentor gewesen ist und mit dem er im Zweiten Weltkrieg über Mittelsmänner Kontakt gehabt hat. Auch Helmut Schmidt ergreift bei der Veranstaltung das Wort. Anschließend ziehen er und Brandt sich zu einem Gespräch unter vier Augen zurück, bei dem die beiden SPD-Altkanzler sich aussöhnen.

Gegen Fremdenhass, für geregelte Zuwanderung

In Paris findet am 25./26. Januar 1992 der 95. Bergedorfer Gesprächskreis der Körber-Stiftung statt. Das Thema der Konferenz, an der auch Willy Brandt teilnimmt, lautet: „Welche Antworten gibt Europa auf die neuen Einwanderungswellen?

In seiner Rede erklärt der Altkanzler, Westeuropa sei längst eine Einwanderungsregion und werde aufgrund des Wohlstandsgefälles gegenüber Osteuropa und den südlichen Nachbarn auf absehbare Zeit unter Zuwanderungsdruck bleiben. Deshalb fordert Brandt eine gemeinsame europäische Einwanderungs- und Asylpolitik. Nicht zuletzt weil die Aufnahmekapazität Europas begrenzt sei, müsse zugleich mehr gegen die Ursachen von Migrations- und Fluchtbewegungen getan werden, damit die Menschen in ihrer Heimat bleiben könnten.

In Westeuropa habe man sich, so Brandt, gleichwohl auf ein Zusammenleben mit mehr Ausländern einzurichten. Dabei müsse man aber energisch gegen verbreitete Neigungen zur Fremdenfeindlichkeit vorgehen. Allerdings dürften die großen Belastungen nicht kleingeredet werden, die durch den rapiden Anstieg der Zuwanderung in Städten und Gemeinden entstünden.

Brandt hat dabei insbesondere die Lage in Deutschland vor Augen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat die Zahl von Asylbewerbern, Flüchtlingen und Spätaussiedlern in der Bundesrepublik stark zugenommen. Zudem ist es bereits zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen gekommen. Im Sommer 1992 wird der SPD-Ehrenvorsitzende seiner Partei raten, einer Änderung des Grundgesetz-Artikels über das Asylrecht zuzustimmen.

Dank an Michail Gorbatschow

Nach dem Scheitern aller Bemühungen um einen neuen Unionsvertrag ist die Sowjetunion Ende 1991 aufgelöst worden. Am 25. Dezember hat Michail Gorbatschow in Moskau die Macht an Russlands Präsidenten Boris Jelzin abgeben müssen. Die bisherigen Teilrepubliken sind nun unabhängig. Elf von ihnen gehen in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) eine lose Verbindung ein.

Am 5. März 1992 trifft Gorbatschow in Bonn noch einmal mit Willy Brandt zusammen. Zu Beginn des Gesprächs erklärt der einstige Kommunistenchef: „Ich bin Sozialdemokrat.“ Die historischen Leistungen Gorbatschows hat Brandt bereits im Januar in einem persönlichen Brief hervorgehoben. Besonders dankt er dem ehemaligen sowjetischen Präsidenten für die Beiträge zur Vereinigung Deutschlands und zur friedlichen Umgestaltung Europas.

Letzte Rede im Bundestag in Bonn

In der Debatte über die Einsetzung der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“ am 12. März 1992 spricht Willy Brandt zum letzten Mal im Deutschen Bundestag. Wie bereits in einem „Stern“-Interview und einem „Spiegel“-Gespräch betont er in seiner Rede, dass die Bewältigung der DDR-Vergangenheit sich nicht auf das Thema „Stasi“ verengen dürfe.

Brandt nimmt ausdrücklich diejenigen in Schutz, die Kontakte zum Unrechtsregime unterhalten haben, um mitmenschliche Hilfe zu leisten. Darüber hinaus verteidigt der SPD-Ehrenvorsitzende und Altkanzler seine Ost- und Deutschlandpolitik gegen den Vorwurf, die kommunistischen Regime stabilisiert und ihre Lebensdauer unnötig verlängert zu haben. Vielmehr habe sie zu deren Überwindung beigetragen, so Brandt.

Letzter Auftritt in Luxemburg

Im Frühjahr 1992 reist Willy Brandt noch dreimal ins Ausland. Mitte März leitet er in Madrid die Sitzung des Präsidiums der Sozialistischen Internationale (SI). Dass Brandt beim bevorstehenden SI-Kongress in Berlin nicht mehr als Präsident kandidieren will, hat er seinem Freund Felipe González bereits per Brief im Januar mitgeteilt.

Im April fahren Brandt und seine Frau Brigitte für zwei Wochen in ihr Ferienhaus nach Frankreich. Dort bricht der 78-Jährige am Ostermontag zusammen.

Trotz immer wiederkehrender starker Schmerzen im Bauch fährt er am 4. Mai 1992 nach Luxemburg. Die Rede „Zur Architektur Europas“, die Brandt vor Sozialdemokraten des Großherzogtums hält, ist sein letzter Auftritt in der Öffentlichkeit. Darin plädiert er u. a. für die Erweiterung der Europäischen Gemeinschaft.

Zweite Krebs-OP und Pflege zu Hause

Am 10. Mai 1992 kommt Willy Brandt wieder in die Kölner Uniklinik. Eine erneute Operation, die zwölf Tage später erfolgt, wird aber schon nach wenigen Minuten abgebrochen. Der Krebs ist zu weit fortgeschritten. Ende Mai holt Brigitte Seebacher ihren Mann nach Hause, wo sie ihn in den nächsten Monaten pflegt.

Im Laufe des Sommers erhält Brandt dort oft Besuch von seinen Kindern sowie von Freunden und alten Weggefährten. Egon Bahr und Klaus Harpprecht sind häufig da. Persönlich Abschied nehmen u. a. auch Helmut Schmidt, Hans-Jochen Vogel, Hans-Jürgen Wischnewski, Holger Börner, Hans Koschnick, Johannes Rau, Richard von Weizsäcker und Felipe González.

Am 27. August ist Helmut Kohl im Haus in Unkel zu Gast. Dem Bundeskanzler gibt Brandt mit auf den Weg, was er sich für sein Begräbnis wünscht.

Grußwort an SI-Kongress in Berlin

Am Kongress der Sozialistischen Internationale (SI) Mitte September 1992 in Berlin vermag der todkranke Willy Brandt nicht mehr teilzunehmen. Den im Reichstagsgebäude tagenden Delegierten übermittelt er aber ein Grußwort. Seine Frau Brigitte entwirft dafür den Text, an dem Brandt noch kleine Verbesserungen anbringt.

Die bewegende Abschiedsbotschaft wird am 15. September 1992 vom ehemaligen SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel verlesen und ist ein politisches Vermächtnis. Darin ruft Brandt zum globalen Engagement gegen Unrecht und für die Menschenrechte auf. Als besondere Genugtuung bezeichnet er es, dass die Internationale unter seiner Präsidentschaft eine „wahrhaft weltweite Gemeinschaft“ geworden sei. Zum neuen SI-Präsidenten wählt der Kongress den französischen Sozialisten Pierre Mauroy.

Tod in Unkel und Staatsakt in Berlin

Nach schwerer Krankheit stirbt Willy Brandt im Alter von 78 Jahren am 8. Oktober 1992, um 16.35 Uhr, in seinem Privathaus Auf dem Rheinbüchel 60 in Unkel.

Acht Tage später wird der Verstorbene im Rathaus Schöneberg in Berlin aufgebahrt, wo Tausende Abschied von ihm nehmen. Beim Staatsakt, der am 17. Oktober 1992 im Berliner Reichstagsgebäude stattfindet, erweisen zahlreiche Gäste aus aller Welt Brandt die letzte Ehre. Sehr bewegend ist die Trauerrede, die Spaniens Ministerpräsident Felipe González in spanischer Sprache an seinen Freund richtet, dem er ein „Adios, amigo Willy“ nachruft.

Beigesetzt wird der frühere Regierende Bürgermeister und ehemalige Bundeskanzler auf dem Waldfriedhof in Berlin-Zehlendorf gegenüber von Ernst Reuter. Auf seinem Grabstein steht nur der Name: „Willy Brandt“.