Regierender Bürgermeister und Kanzlerkandidat

1957 wird Willy Brandt Regierender Bürgermeister von Berlin und damit international bekannter Sprecher seiner Stadt. In der Berlin-Krise von 1958 bis 1962 hat er großen Anteil daran, dass der Westen den sowjetischen Drohungen nicht nachgibt und West-Berlin frei bleibt. Nicht verhindern kann Brandt 1961 den Mauerbau, dessen brutale Folgen er mit einer „Politik der kleinen Schritte“ zu mildern versucht. 1964 übernimmt Willy Brandt den Vorsitz der Bundes-SPD. Von rechten Gegnern verleumdet, scheitert er jedoch als Kanzlerkandidat bei den Bundestagswahlen 1961 und 1965. Mit der Bildung der Großen Koalition Ende 1966 geht Brandt nach Bonn.

Alle Texte des multimedialen Zeitstrahls 1957-1966

Verleumdungsangriffe in Berlin

Anfang 1957 startet das rechtsliberale „Berliner Montagsecho“ eine über sechs Monate dauernde Kampagne gegen Willy Brandt. Die Zeitung hinterfragt zunächst seine Namensänderung und seine Aktivitäten im Exil. In weiteren Artikeln wird behauptet, er habe mit der Waffe für die kommunistischen Internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft und in norwegischer Uniform auf deutsche Soldaten geschossen.

Brandt setzt sich mit Richtigstellungen zur Wehr und reicht Klage gegen den Lizenzträger des Blattes, Hermann Fischer, ein. Im Juni 1958 verurteilt das Landgericht Berlin Fischer zur Unterlassung seiner falschen Behauptungen und zum Abdruck einer Gegendarstellung. Doch rechtsgerichtete Kräfte und die DDR-Staatssicherheit tun in den folgenden Jahren alles, um Brandt weiter zu verleumden.

Debatte über „Hauptstadt Berlin“

Am 6. Februar 1957 debattiert der Bundestag in Bonn über einen von SPD, FDP und GB/BHE gemeinsam eingereichten Antrag zur „Hauptstadt Berlin“. Für die SPD-Fraktion begründet Willy Brandt die Vorlage. Das Bekenntnis zu Berlin als Hauptstadt versteht er als ein klares Signal, dass die Bundesrepublik zielstrebig auf die deutsche Einheit hinarbeiten will. Der Berliner Abgeordnete fordert häufigere Sitzungen des Bundestages an der Spree und die Verlegung von Bundesbehörden dorthin.

Bei nur vier Gegenstimmen beschließt der Bundestag, dass Berlin die Hauptstadt Deutschlands sei und dass die Planung eines Parlamentsgebäudes in Berlin sofort beginnen solle. Ende 1957 veröffentlicht Brandt das Buch „Von Bonn nach Berlin“, in der er die Diskussion um die Hauptstadtfrage seit 1949 dokumentiert.

Kur im Schwarzwald

Im Frühjahr 1957 macht Willy Brandt im Schwarzwaldort Höchenschwand eine mehrwöchige Kur. Bedingt durch beruflichen Stress und eine ungesunde Lebensweise, leidet er unter Herzrasen und Schlafstörungen.

Nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal versucht Brandt, sich das Rauchen abzugewöhnen. An seine Frau Rut schreibt er am 12. April 1957: „Es war wohl an der Zeit, dass ich eine Weile aus dem Teufelskreis herausgekommen bin. (…) Bis jetzt habe ich mich an das Rauchverbot gehalten (oder richtiger an den dringenden Rat des Arztes aufzuhören).“

Doch dauerhaft gelingt es dem Kettenraucher nicht, auf Nikotin zu verzichten. Neben großen Mengen an Zigaretten raucht Brandt auch Pfeife, die er Mitte der 1960er durch Zigarillos ersetzt. Erst in seinen späten Jahren reduziert er seinen Zigarettenkonsum deutlich.

Landesparteitag der Berliner SPD

Bei der ersten Tagung des 14. Landesparteitags der Berliner SPD am 11./12. Mai 1957 in Britz wird Willy Brandt erneut zu einem der stellvertretenden Landesvorsitzenden gewählt. Mit 196 von 273 Stimmen ist sein Wahlergebnis besser als das seines Dauerrivalen Franz Neumann. Für den SPD-Landesvorsitzenden votieren 187 Delegierte.

Die zweite Tagung des Parteitags am 22. Juni 1957 steht schon ganz im Zeichen des Bundestagswahlkampfs. In seinem Referat „Berlins Aufgaben und der 3. Deutsche Bundestag“ greift Willy Brandt Bundeskanzler Konrad Adenauer scharf an, dem er vorwirft, der internationalen Entwicklung seit Jahren hinterher zu hinken. Außerdem ruft Brandt zum Nachdenken über den „Tag der deutschen Einheit“ auf. Der Feiertag am 17. Juni solle kein zusätzlicher Ausflugs- und Badetag sein.

Auseinandersetzung um Suhr-Nachfolge

Nach schwerer Krankheit stirbt der Regierende Bürgermeister von Berlin, Otto Suhr (SPD), am 30. August 1957. Der SPD-Landesvorsitzende Franz Neumann will nun unbedingt verhindern, dass Willy Brandt die Nachfolge antritt, und thematisiert erneut dessen angeblich ungeklärte Vergangenheit. Doch die Berliner Zeitungen, vor allem die Blätter des Springer-Verlags, unterstützen mehrheitlich Brandt.

Bundesweit sucht Neumann nach einem Gegenkandidaten, aber nur der SPD-Bundestagsabgeordnete Adolf Arndt scheint bereit, sich aufstellen zu lassen. Der Landesausschuss der Berliner SPD entscheidet indes am 20. September 1957 mit klarer Mehrheit, dass man keinen anderen Kandidaten als Brandt will. Zehn Tage später wird er bei einem Landesparteitag für die Wahl zum Regierenden Bürgermeister nominiert.

Bundestagswahl: Adenauers Triumph

Bei der Wahl zum 3. Deutschen Bundestag am 15. September 1957 erzielt die CDU/CSU unter Bundeskanzler Konrad Adenauer mit 50,2% der Stimmen die absolute Mehrheit und damit ihr historisch bestes Ergebnis. Die SPD mit ihrem Spitzenkandidaten Erich Ollenhauer ist trotz leichter Zugewinne weit abgeschlagen und kommt nur auf 31,8%.

Willy Brandt gehört dem neuen Bundestag nicht mehr an. Von Berlin aus unterstützt er jedoch die Kräfte in der SPD, die nach der schweren Niederlage auf eine Parteireform drängen. Brandt begrüßt es daher besonders, dass die SPD-Bundestagsfraktion Anfang November 1957 Carlo Schmid, Fritz Erler und Herbert Wehner zu stellvertretenden Vorsitzenden wählt. Die Macht von Partei- und Fraktionschef Ollenhauer wird dadurch beschnitten.

Wahl zum Regierenden Bürgermeister

Am 3. Oktober 1957 wird Willy Brandt vom Berliner Abgeordnetenhaus mit 86 zu 10 Stimmen zum Regierenden Bürgermeister gewählt. In seiner ersten Regierungserklärung, die er 14 Tage später abgibt, verspricht er, die Politik der Eingliederung West-Berlins in die Bundesrepublik konsequent fortzusetzen. Zugleich fordert der 43-Jährige die Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit.
Brandt betont aber auch die Bereitschaft des Senats, das Leben der Menschen in der geteilten Stadt durch technische Vereinbarungen zwischen West- und Ost-Berliner Behörden erleichtern zu wollen. Sein Erzrivale Franz Neumann hat den jahrelangen Machtkampf nun endgültig verloren. Beim Landesparteitag am 12. Januar 1958 erringt Brandt mit 163 zu 124 Stimmen auch den Vorsitz der Berliner SPD.

Sorge um Schließung der Grenze in Berlin

Ein Geheimdienstbericht schreckt Willy Brandt Anfang November 1957 auf. Demnach plant das SED-Regime baldige Absperrmaßnahmen, um DDR-Flüchtlinge und im Westen arbeitende Ost-Berliner am Übergang nach West-Berlin zu hindern. Bereits Mitte Oktober hat es im Zuge eines Währungsschnitts in der DDR scharfe Kontrollen an den Sektorengrenzen und Unterbrechungen von U- und S-Bahn-Verbindungen gegeben. Wochenlang wird auch der Verkehr von und nach Berlin erheblich behindert.

In einem NRZ-Interview macht der Regierende Bürgermeister am 8. November 1957 seine Besorgnis über die Pläne der DDR-Regierung öffentlich. „Pankow“ wolle „die Funktion Berlins als Brücke zwischen West und Ost“ zerstören, warnt Brandt. Eine lückenlose „Chinesische Mauer“ durch Berlin hält er aber nicht für möglich.

Beim sowjetischen Stadtkommandanten

Am 10. Januar 1958 fährt Willy Brandt zum sowjetischen Stadtkommandanten, Generalmajor Andrej Tschamow, nach Berlin-Karlshorst. Er erwidert damit dessen Besuch im Rathaus Schöneberg von Oktober 1957. Zwar bringt das zweistündige Gespräch in Karlshorst keine konkreten Ergebnisse. Dennoch verlässt Brandt das Treffen in bester Stimmung – nicht zuletzt wegen des reichlich servierten Wodkas, wie die West-Berliner Presse tags darauf berichtet.

Kritik an der Begegnung weist der Regierende Bürgermeister zurück. Er möchte den Dialog fortsetzen und hofft auf Entspannung mit den Sowjets. Dafür müsse die Bundesrepublik in Ergänzung zur Westintegration und in enger Absprache mit ihren westlichen Freunden eine „Ostpolitik“ entwickeln, fordert Brandt in einer Rede am 17. Januar 1958.

Antrittsbesuch in den USA

Vom Flughafen Tempelhof bricht Willy Brandt am 6. Februar 1958 zu einer knapp zweiwöchigen Amerika-Reise auf. Sein Antrittsbesuch als Regierender Bürgermeister führt ihn nach Philadelphia, Washington DC, New York und Boston. Brandt trifft u. a. Präsident Eisenhower, Vizepräsident Nixon, Außenminister Dulles und zahlreiche Senatoren. Zu seinen über 50 öffentlichen Auftritten zählt ein 30-minütiges Fernsehinterview.

Auch in Deutschland berichten die Medien ausführlich. Für die „Bild“-Zeitung schreibt Brandt ein „Tagebuch meiner USA-Reise“. Sein Fazit: Die USA stehen fest an der Seite West-Berlins. Besonders beeindruckt ihn ein Satz des US-Außenministers. Amerikaner und Sowjets, so John Foster Dulles, seien sich in einem Punkt einig: Ein wiedervereinigtes Deutschland dürfe nicht neutral sein.

Großbritannien-Reise

Vom 9. bis 15. März 1958 besucht der Regierende Bürgermeister Willy Brandt Großbritannien. In London spricht er sowohl mit dem konservativen Premierminister Harold Macmillan als auch mit dem Chef der oppositionellen Labour Party, Hugh Gaitskell. Beide Politiker rechnen auf absehbare Zeit nicht mit sowjetischen Zugeständnissen in der deutschen Frage.

Mit Gaitskell diskutiert Brandt die Idee eines Truppenabzugs („Disengagement“) der beiden Supermächte aus Mitteleuropa. Dabei betont der Regierende Bürgermeister, dass ein „Disengagement“ nicht in Berlin beginnen dürfe und die drei Westmächte unbedingt in der Stadt bleiben müssten. In einem Vortrag vor dem „Royal Institute for Foreign Affairs“ schließt er eine separate Lösung des Berlin-Problems vor der Wiedervereinigung Deutschlands aus.

„Kampf dem Atomtod“

Beim Landesparteitag am 19. April 1958 sprechen sich die Berliner Sozialdemokraten dagegen aus, in West-Berlin eine Volksbefragung über die von der Regierung Adenauer geplante Atombewaffnung der Bundeswehr abzuhalten. Angeführt von Willy Brandt gehen sie auf Distanz zur Bundespartei.

Die SPD in Bonn hat im März 1958 das Komitee „Kampf dem Atomtod“ mitgegründet und einen Gesetzentwurf für eine Volksbefragung eingebracht. Zwar ist auch Brandt entschieden gegen eine atomare Ausrüstung der Bundeswehr, aber für eine Volksbefragung in West-Berlin möchte er sich nicht engagieren. Wie er Parteichef Ollenhauer erläutert, könnte der SPD sonst nachgesagt werden, gemeinsame Sache mit der SED zu machen. Der Regierende Bürgermeister warnt auch vor pauschaler Kritik an der westlichen Sicherheitspolitik.

Wahl in den SPD-Vorstand

Beim SPD-Bundesparteitag in Stuttgart vom 18. bis 23. Mai 1958 schafft Willy Brandt endlich den Sprung in die erweiterte Parteiführung. Bei den Vorstandswahlen erhält Berlins Regierender Bürgermeister und SPD-Landesvorsitzender 268 von 383 möglichen Stimmen. Neben Brandt ziehen auch Helmut Schmidt, Alex Möller und Gustav Heinemann erstmals in den SPD-Vorstand ein. Herbert Wehner und Waldemar von Knoeringen werden zu stellvertretenden Vorsitzenden gewählt.

Der Stuttgarter Parteitag ist geprägt von Beschlüssen zu einer Organisationsreform der SPD und zur Erarbeitung eines neuen Grundsatzprogramms, für die sich auch Brandt in seiner Rede vor den Delegierten am 20. Mai 1958 einsetzt.

Eröffnung der Filmfestspiele

Begleitet von seiner Ehefrau Rut und seiner Tochter Ninja eröffnet der Regierende Bürgermeister Willy Brandt am 27. Juni 1958 in der neuen Kongresshalle die VIII. Internationalen Filmfestspiele von Berlin. Seit 1951 findet das Festival in West-Berlin statt und diesmal ist die Gästeliste so international wie noch nie. Zu den Stars des Festivals zählen Gina Lollobrigida, Walt Disney, Sydney Poitier und Ingmar Bergman.

In seiner Eröffnungsrede warnt Brandt die Berliner vor Engherzigkeit und betont die Weltoffenheit der Stadt. Nach langem Zögern hat die Berlinale-Leitung erstmals auch die Sowjetunion eingeladen, sich am Filmwettbewerb zu beteiligen. Doch Moskau lehnt dies ab.

Propagandaoffensiven in Berlin

Beim V. Parteitag der SED vom 10. bis 16. Juli 1958 in Ost-Berlin erklärt Walter Ulbricht den sozialistischen Aufbau in der DDR für vollendet und verspricht großspurig, die Bundesrepublik bis 1961 wirtschaftlich zu überholen. Zugleich äußert der SED-Chef scharfe Kritik am Senat in West-Berlin und an der dortigen Anwesenheit westlicher Truppen.

Während seines Urlaubs in Norwegen räumt Willy Brandt in Interviews ein, dass Ulbrichts Stellung gefestigter denn je sei und man eher mit mehr statt weniger Konfrontation in Berlin rechnen müsse. Schon Mitte Juni 1958 hat die DDR einen im Auftrag des Regierenden Bürgermeisters an die Ost-Berliner Verwaltung übermittelten Fragenkatalog zu möglichen Erleichterungen in Berlin erwartungsgemäß zurückgewiesen. Beide Seiten üben sich wieder nur in Polemik.

Flüchtlingswelle aus der DDR

Seit 1949 sind bereits mehr als zwei Millionen Deutsche aus der DDR in die Bundesrepublik und nach West-Berlin gekommen. Im Sommer 1958 steigt die Zahl der Flüchtlinge nochmals an. Ursache dieser „Abstimmung mit den Füßen“ sind die politische Unterdrückung und die schlechte Wirtschaftslage in der DDR sowie der stetig steigende Wohlstand im Westen. Die Mehrzahl der zumeist gut ausgebildeten Menschen nutzt die offene Sektorengrenze in Berlin zur Flucht.

In einer Erklärung des Senats macht der Regierende Bürgermeister Willy Brandt am 4. September 1958 vor dem Berliner Abgeordnetenhaus auf die große Not der Landsleute aufmerksam. Eindringlich mahnt er die Sowjetunion, geschlossene Abmachungen über Berlin und Deutschland einzuhalten und das kommunistische Regime in der DDR zur Räson zu bringen.

Chruschtschows Berlin-Ultimatum

Am 27. November 1958 fordert die Sowjetunion den Abzug der im Westteil Berlins stationierten Truppen der USA, Großbritanniens und Frankreichs binnen sechs Monaten. West-Berlin soll in eine „entmilitarisierte freie Stadt“ umgewandelt werden. Andernfalls werde die Sowjetunion die Rechte der drei Westmächte in Berlin und über Deutschland als Ganzes nicht mehr anerkennen, droht der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow.

In einer Fünf-Punkte-Erklärung weist Willy Brandt die Forderungen und das Ultimatum sofort zurück. Ziel der kommunistischen Politik sei es, so der Regierende Bürgermeister, „ganz Berlin in die sogenannte ‚DDR‛ einzugliedern“. Brandt vertraut aber darauf, dass die Westmächte die Stadt nicht verlassen und die Zugehörigkeit West-Berlins zur Bundesrepublik erhalten bleibt.

Wahlsieg im Zeichen der Berlin-Krise

Die Abgeordnetenhauswahl in West-Berlin am 7. Dezember 1958 steht infolge des sowjetischen Ultimatums ganz im Banne der neuen Berlin-Krise. Klarer Sieger mit 52,6% ist die SPD unter dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt. Trotz absoluter Mehrheit setzt sie die Koalition mit der CDU fort, die 37% erzielt. Die anderen Parteien, darunter auch die SED, scheitern an der 5%-Hürde.

Die Wahl macht deutlich: Die West-Berliner lassen sich von Chruschtschows Drohungen nicht einschüchtern. Diese Botschaft und den Appell, den Sowjets nicht nachzugeben, überbringt Brandt am 14. Dezember 1958 in Paris den NATO-Außenministern. Seine unnachgiebige Haltung und sein Streben nach größtmöglicher Einigkeit mit dem Westen, speziell mit der Regierung Adenauer, stößt in der Bundes-SPD allerdings auf Kritik.

Auf Weltreise für Berlin

Am 6. Februar 1959 bricht Willy Brandt zu einer viel beachteten Tour rund um die Welt auf. Großzügig unterstützt durch die Bundesregierung, setzt sich der Regierende Bürgermeister international für das vom Chruschtschow-Ultimatum bedrohte West-Berlin ein. Nach den nordamerikanischen Stationen Ottawa, Washington DC, New York, Springfield und Los Angeles fliegt Brandt via Hawaii weiter nach Asien. Dort besucht er u. a. Tokio, Bangkok, Colombo, Karatschi, Kalkutta und Neu Delhi.

Während der Reise sind US-Präsident Eisenhower, UN-Generalsekretär Hammarskjöld, der japanische Kaiser Hirohito und der indische Ministerpräsident Nehru Brandts prominenteste Gesprächspartner. Bei seiner Rückkehr am 6. März 1959 wird er am Flughafen Tempelhof von Tausenden Berlinern begeistert empfangen.

Absage an Chruschtschow

Zurück von seiner Weltreise, erhält Willy Brandt am 9. März 1959 überraschend eine Einladung zum Gespräch mit dem sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow. Es soll am folgenden Tag in Ost-Berlin stattfinden. Der Regierende Bürgermeister ist unschlüssig, ob er die Einladung annehmen soll, um die er – entgegen der Darstellung seines Freundes Bruno Kreisky – nicht gebeten hat.

Die ergebnislose Unterredung des SPD-Vorsitzenden Erich Ollenhauer mit Chruschtschow am 9. März wirkt wenig ermutigend. Wenn überhaupt, dann will Brandt den Kremlchef nur mit Zustimmung Bonns und der drei Westmächte sprechen. Während die Bundesregierung ihm nicht abrät, spricht sich der amerikanische Gesandte in Berlin entschieden gegen ein Treffen mit Chruschtschow aus. Daraufhin sagt Brandt die Begegnung ab.

Reisen durch Europa

Auch bei den europäischen Partnern wirbt Willy Brandt um Unterstützung für West-Berlin. Bereits im Januar 1959 hat er vor dem Europarat in Straßburg geredet. Vom 13. bis 15. April 1959 ist der Regierende Bürgermeister in den Niederlanden zu Gast, wo er Amsterdam, Rotterdam, Utrecht und Den Haag besucht. Am 18./19. April führt Brandt in Stockholm Gespräche mit den Ministerpräsidenten Schwedens, Norwegens und Dänemarks sowie mit befreundeten Sozialdemokraten aus Europa.

Im Mittelpunkt seines Besuchs in London vom 20. bis 22. April 1959 stehen Unterredungen mit der britischen Regierung. Immer wieder betont Brandt, dass der rechtliche Status von Berlin nicht verändert werden dürfe. Vorwürfe von linken Labour-Abgeordneten, er wolle für West-Berlin einen Atomkrieg riskieren, weist er entschieden zurück.

„Berlin bleibt frei“

Am 1. Mai 1959 versammeln sich am Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude fast 600.000 Menschen, um gegen das sowjetische Berlin-Ultimatum zu demonstrieren. Die vom West-Berliner Senat organisierte Kundgebung ist ein Signal an die Vier Mächte, deren Außenminister zehn Tage später in Genf zu neuen Verhandlungen über Deutschland und Berlin zusammenkommen werden.

In seiner Rede macht der Regierende Bürgermeister Willy Brandt deutlich, dass die Freiheit West-Berlins dabei nicht verhandelbar sei. Verbunden mit heftigen Angriffen auf das kommunistische Regime in Ost-Berlin, fordert er ein Ende der deutschen Teilung. Das Berlin-Ultimatum verstreicht am 30. Mai 1959, ohne dass die Sowjetunion und die DDR eine der von Nikita Chruschtschow Ende November 1958 angedrohten Maßnahmen ergreifen.

Reise nach Genf zum Vier-Mächte-Treffen

Nachdem er zwei Tage zuvor in Paris erstmals mit Staatspräsident Charles de Gaulle zusammengetroffen ist, reist Willy Brandt am 12. Juni 1959 zur Vier-Mächte-Konferenz über Deutschland und Berlin nach Genf. In einer Besprechung mit den Außenministern der USA, Großbritanniens, Frankreichs und der Bundesrepublik warnt er vor zu weitreichenden Zugeständnissen an die Sowjetunion.

Von den Inhalten eines vorläufigen Berlin-Abkommens, das die drei Westmächte den Sowjets am 16. Juni 1959 vorschlagen, hält der Regierende Bürgermeister wenig. Vor dem Berliner Abgeordnetenhaus bezeichnet er am 25. Juni 1959 das westliche Angebot als „äußere Grenze“. Als Erfolg kann Brandt verbuchen, dass die Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten wie geplant am 1. Juli 1959 in West-Berlin tagen kann.

SPD-„Siebener-Kommission“

Am 5. Juli 1959 erklärt der Parteivorsitzende Erich Ollenhauer, dass er bei der Bundestagswahl 1961 nicht mehr als Spitzenkandidat der SPD antreten werde. Auf Vorschlag von Herbert Wehner setzt der Parteivorstand daraufhin einen Ausschuss ein, der den Wahlkampf vorbereiten und einen Kanzlerkandidaten vorschlagen soll.

Der „Siebener-Kommission“ gehören der SPD-Vorsitzende, die Bundestagsabgeordneten Carlo Schmid, Fritz Erler und Heinrich Deist sowie Hessens Ministerpräsident Georg August Zinn, der Hamburger Bürgermeister Max Brauer und Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt an. Schmid gilt als Favorit für die Kanzlerkandidatur. Doch insgeheim denkt auch Brandt bereits an diese Aufgabe. Inzwischen ist er neben Kanzler Adenauer der populärste Politiker in der Bundesrepublik.

Keine Einigung bei Genfer Konferenz

Alarmiert durch das Auswärtige Amt, unterbricht Willy Brandt seinen Urlaub im Allgäu und kommt am 31. Juli 1959 erneut nach Genf. Der Grund: Bei der Außenministerkonferenz der Vier Mächte, die nach einer vierwöchigen Pause seit Mitte Juli wieder tagt, haben die drei Westmächte ihren Vorschlag für ein vorläufiges Berlin-Abkommen erneuert und ergänzt. Gegen eine auf fünf Jahre befristete Zwischenlösung melden die Bundesregierung und der Berliner Senat jedoch schwerste Bedenken an. Sie befürchten, dass nach Ablauf der Frist die alliierten Rechte in Berlin und die darauf beruhende Anwesenheit westlicher Truppen in der Stadt von den Sowjets noch stärker in Frage gestellt werden könnten.

In einem Gespräch mit US-Außenminister Herter äußert sich Brandt zum westlichen Vorschlag sehr skeptisch. Auf das ergebnislose Ende der Genfer Konferenz am 5. August 1959 reagiert der Regierende Bürgermeister daher erleichtert. Vor dem Berliner Abgeordnetenhaus macht er am 8. September 1959 keinen Hehl aus seiner Überzeugung, dass kein Abkommen besser sei als ein schlechtes.

Da die Berlin-Frage aber nur vertagt und die Krise nicht vorbei ist, drängt Brandt umso mehr auf eine neue realistische Außen- und Deutschlandpolitik der SPD. In einem Schreiben an den stellvertretenden Parteivorsitzenden Waldemar von Knoeringen lässt er Ende August 1959 kein gutes Haar am SPD-Deutschlandplan von März 1959. Die darin enthaltenen „Disengagement“-Vorstellungen und den Vorschlag für eine Konföderation zwischen der Bundesrepublik und der DDR als Vorstufe der Wiedervereinigung hält Brandt für illusionär.

Godesberger Programm-Parteitag

Auf einem außerordentlichen Parteitag vom 13. bis 15. November 1959 in Bad Godesberg beschließt die SPD mit großer Mehrheit ihr neues Grundsatzprogramm, das eine Kommission unter der Leitung von Willi Eichler erarbeitet hat. Darin bekennen sich die Sozialdemokraten zu einem freiheitlich-demokratischen Sozialismus, der marxistische Dogmen ablehnt. Die SPD akzeptiert das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft, bejaht die Landesverteidigung und grenzt sich entschieden vom Kommunismus ab. Die traditionelle Arbeiterpartei wandelt sich damit in eine moderne Volkspartei.

Ursprünglich skeptisch gegenüber dem Zeitpunkt der Verabschiedung, begrüßt Willy Brandt in seiner Parteitagsrede die Neuausrichtung der SPD, für die er seit Jahren eintritt. Als Vorstandsmitglied hat er sich im Sommer 1959 an der Diskussion über Inhalte und Formulierungen des neuen Programms beteiligt.

Einigkeit mit Kanzler Adenauer

Am 11. Januar 1960 besucht Konrad Adenauer West-Berlin, wo ihn Willy Brandt herzlich willkommen heißt. In einer Rede vor dem Abgeordnetenhaus stellt sich der Bundeskanzler voll hinter die fünf Punkte, die der Regierende Bürgermeister vier Tage zuvor als Grundsätze der Berlin-Politik des Senats verkündet hat:

1. Anerkennung der Rechte der Westmächte, 2. Wahrung der Zugehörigkeit West-Berlins zur Bundesrepublik, 3. Keine Einschränkung des freien Zugangs von und nach Berlin, 4. Berücksichtigung des Willens der Berliner Bevölkerung, 5. Erhalt Berlins als menschliche Begegnungsstätte.

Unter vier Augen erhält Brandt von Adenauer einen Bericht über die westliche Gipfelkonferenz von Paris im Dezember 1959. Seit Beginn der Berlin-Krise kommen beide regelmäßig zu vertraulichen Gesprächen zusammen.

Autobiografie „Mein Weg nach Berlin“

Die „Berliner Morgenpost“, eine Zeitung aus dem Axel-Springer-Verlag, veröffentlicht am 27. Februar 1960 erste Auszüge von Willy Brandts Autobiografie „Mein Weg nach Berlin“. Das Buch erscheint im Frühjahr 1960. Zeitgleich mit der deutschen Ausgabe kommen in den USA, Schweden, Norwegen, Dänemark, den Niederlanden, Italien, Frankreich und Japan auch Übersetzungen auf den Markt.

Aufgezeichnet hat Brandts Erinnerungen der Journalist Leo Lania. Mit der ausführlichen Darstellung seines politischen Weges, der ihn von Lübeck über das skandinavische Exil nach Berlin geführt hat, tritt Brandt den anhaltenden Verleumdungen seiner Person entgegen. In der Presse wird der Lebensbericht des 47-Jährigen als Bewerbung für die SPD-Kanzlerkandidatur gewertet.

Aufruf zur Deutschlandpolitik

Am 12. März 1960 diskutiert der SPD-Vorstand in Bonn über mögliche neue Deutschland- und Berlin-Vorschläge für das im Mai 1960 geplante Gipfeltreffen der Vier Mächte in Paris. Willy Brandt ist überzeugt, dass die Partei ihre Alleingänge aufgeben und die Gemeinsamkeit mit der Regierung Adenauer suchen muss.

Bereits Ende Februar 1960 hat sich der Regierende Bürgermeister in der Berliner SPD-Zeitung „Telegraf“ für „eine gemeinsame Politik in den Schicksalsfragen unserer Nation“ ausgesprochen. Dafür erhält er in der SPD immer mehr Zustimmung, vor allem von Fritz Erler und Herbert Wehner. Am 17. März 1960 erklärt Wehner den SPD-Deutschlandplan von 1959 für erledigt, an dem Carlo Schmid indes weiter festhalten will. In Sachen Kanzlerkandidatur neigt sich die Waage gegen Schmid und zugunsten Brandts.

Egon Bahr als neuer Berater

Am 1. April 1960 wird Egon Bahr neuer Leiter des Presse- und Informationsamts des Berliner Senats und damit zu einem der engsten Mitarbeiter des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt in der Senatskanzlei. Der 38 Jahre alte Journalist ersetzt Hans Hirschfeld (SPD), der auf diesem Posten schon Ernst Reuter gedient hat.

Zum inneren Zirkel um Brandt gehören zu diesem Zeitpunkt auch Heinrich Albertz, der seit 1959 Chef der Senatskanzlei ist, und Klaus Schütz, der seit 1957 dem Bundestag in Bonn angehört. Der langjährige Senator für Bundesangelegenheiten Günter Klein, ein enger Freund der Familie Brandt, ist bis dato der einflussreichste Ratgeber des Regierenden Bürgermeisters in der Berlin- und Deutschlandpolitik. Diesen Rang wird jedoch bald Bahr einnehmen.

Geplatzte Gipfel-Konferenz in Paris

Nach dem Abschuss eines amerikanischen U2-Spionageflugzeugs lässt Chruschtschow am 16. Mai 1960 das Gipfeltreffen mit Eisenhower, Macmillan und de Gaulle in Paris überraschend platzen. Auf Viermächteebene ist kein Weg zur Lösung der deutschen Frage mehr erkennbar.

Daher erklärt der Regierende Bürgermeister Willy Brandt in einer Rundfunkrede am 25. Mai 1960, dass auch die SPD die Zugehörigkeit der Bundesrepublik zur NATO nicht mehr in Frage stelle. Jede Bonner Regierung müsse sich an die Westverträge halten.

Tags zuvor haben Brandt und Adenauer erneut Gemeinsamkeit in der Berlin-Politik demonstriert. Allerdings beurteilen sie die Möglichkeit eines Interimsabkommens unterschiedlich. Zuvor hat bereits die Idee einer Volksbefragung in West-Berlin für Meinungsverschiedenheiten gesorgt.

Verleihung des Sankt Olav-Ordens

Am 15. Juni 1960 verleiht der norwegische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland, Hersleb Vogt, dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, das Großkreuz des Sankt Olav-Ordens. Es ist die höchste Auszeichnung, die Norwegen zu vergeben hat. Damit wird der herausragende Einsatz gewürdigt, den Brandt als norwegischer Staatsbürger während des Zweiten Weltkriegs für die Freiheit des Landes gezeigt hat.

Dazu erklärt Bundeskanzler Konrad Adenauer am 6. Juli 1960 hinter verschlossenen Türen im CDU-Bundesvorstand: Wenn man nichts daran fände, dass Willy Brandt Mitglied der norwegischen Armee gewesen sei, dann sei er „erschüttert (…) über den Mangel an National- und Selbstgefühl des deutschen Volkes“. Die CDU müsse sich für die Bundestagswahl 1961 Maßnahmen „zur Aufklärung über Brandt“ überlegen, so Adenauer.

Kanzlerkandidat der SPD

Das Präsidium und die „Siebener-Kommission“ der SPD sprechen sich am 11. Juli 1960 für Willy Brandt als Kanzlerkandidat bei der Bundestagswahl 1961 aus. Schon zwei Tage zuvor haben ihm über 80 Sozialdemokraten aus dem Bundesgebiet ihre Unterstützung signalisiert. Zu den SPD-Politikern der mittleren Generation, die sich bei dem von Klaus Schütz organisierten Treffen in Barsinghausen bei Hannover versammelt haben, zählen u. a. Hans-Jochen Vogel und Helmut Schmidt.

Vor allem aber ist es Herbert Wehner, der Willy Brandt den Weg zur Kanzlerkandidatur ebnet. In seiner Bundestagsrede am 30. Juni 1960 hat Wehner die Westintegration der Bundesrepublik zur Grundlage jeder Deutschland- und Wiedervereinigungspolitik erklärt. Brandt begrüßt diesen Kurswechsel der SPD, für den er seit langem eintritt.

Besuch in Ost-Berlin

Ohne vorherige Ankündigung besucht der Regierende Bürgermeister Willy Brandt am 25. August 1960 das SPD-Kreisbüro im Ost-Berliner Bezirk Friedrichshain. Aufgrund des Vier-Mächte-Status Berlins kann sich die Partei dort noch immer legal betätigen. Jedoch sind die Sozialdemokraten in Ost-Berlin stetig wachsenden Repressalien durch das SED-Regime ausgesetzt. Ihr Kreisbüro am Boxhagener Platz ist das letzte seiner Art.

Mit seiner Visite demonstriert Brandt, der auch Landesvorsitzender der Gesamtberliner SPD ist, seine Solidarität mit den bedrängten Genossen. Als er das Büro verlässt, haben sich etliche Schaulustige eingefunden, die ihn stürmisch begrüßen. Einen Tag zuvor hat der SPD-Parteivorstand in Bonn offiziell verkündet, mit Brandt als Kanzlerkandidat in die Bundestagswahl 1961 zu gehen.

Jubiläum der Berliner Freiheitsglocke

Am 24. Oktober 1960 findet im Rathaus Schöneberg ein Festakt zum zehnten Jahrestag der Übergabe der Freiheitsglocke statt. Sie ist ein Geschenk amerikanischer Bürger an die Berliner und erinnert an die Zeit der Blockade. Seit 1950 ruft die Glocke, die der Liberty Bell in Philadelphia nachempfunden ist, mit ihrem Geläut aus dem Rathausturm symbolisch zum Einsatz für die Freiheit und zum Widerstand gegen die Tyrannei auf.

In seiner Ansprache im Abgeordnetenhaus dankt der Regierende Bürgermeister Willy Brandt den USA sowie allen Freunden Berlins für ihre Unterstützung. Als Zeichen des Danks für die Solidarität im Kalten Krieg hat sich West-Berlin ein besonderes Geschenk ausgedacht. Prominente Gäste aus aller Welt erhalten eine aus Porzellan gefertigte Nachbildung der Freiheitsglocke.

SPD-Bundesparteitag in Hannover

Einstimmig kürt der SPD-Parteitag am 22. November 1960 Berlins Regierenden Bürgermeister Willy Brandt zum Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl 1961. In ihrem „Appell von Hannover“ bekennen sich die Sozialdemokraten zu einem neuen Politikstil.

Die von Brandt angeführte Regierungsmannschaft der SPD steht demnach für Redlichkeit, Sachlichkeit, Zusammenarbeit und Ausgleich. In seiner Rede scheut der Kanzlerkandidat nicht das Pathos. Dem neuen US-Präsidenten Kennedy nacheifernd, zitiert Brandt zum Schluss den Amtseid des Bundeskanzlers und endet mit den Worten „So wahr mir Gott helfe“.

Zuvor hat er vom 11. bis 19. November 1960 Griechenland, Israel und Italien besucht und dabei u. a. mit den Regierungschefs Karamanlis, Ben Gurion und Fanfani sowie mit Papst Johannes XXIII. sprechen können.

Diffamierungen im Wahlkampf

Nach der Nominierung als SPD-Kanzlerkandidat greifen Untergliederungen von CDU und CSU Willy Brandt persönlich an. Die Diffamierungen zielen auf Exil, Herkunft, Namensänderung und Privatleben. Die Führung der Union tut nichts gegen die Kampagne, von der Brandt tief getroffen ist.

In Vilshofen erklärt Franz Josef Strauß (CSU) am 15. Februar 1961 doppelbödig, eines werde man Herrn Brandt doch noch fragen dürfen: „Was haben Sie in den zwölf Jahren draußen gemacht?“ Brandt reagiert empört, stellt dann aber in einem Schreiben vom 7. März 1961 anerkennend fest, dass Strauß sich gegen einen „Schmutzkampf“ ausgesprochen habe. Doch dessen Versprechen ist nur ein Täuschungsmanöver. Finanziert von einem CSU-nahen Verleger und Strauß-Freund, erscheinen 1961 viele herabsetzende Schriften über Brandt.

Erstes Treffen mit Präsident Kennedy

Am 13. März 1961 wird Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt im Weißen Haus in Washington von John F. Kennedy empfangen. Der neue amerikanische Präsident interessiert sich sehr für den SPD-Kanzlerkandidaten. Fast eine Stunde dauert die Unterredung der beiden Politiker, die sich sympathisch sind.

Brandt ist beeindruckt von Kennedys Geradlinigkeit. Im vorbereiteten Kommuniqué streicht der US-Präsident kurzerhand eine umständliche Passage und stellt fest: Die USA stehen zu ihren Verpflichtungen gegenüber West-Berlin „by treaty and conviction“ („durch Vertrag und Überzeugung“).

Im Fokus von Brandts achttägiger Amerika-Reise steht nach wie vor die Berlin-Krise. Vor dem Theodor-Herzl-Institut in New York spricht er am 19. März 1961 erstmals zum Thema „Deutschland, Israel und die Juden.

Blauer Himmel über der Ruhr?

Bei einem außerordentlichen Kongress in Bonn verabschiedet die SPD am 28. April 1961 ihr Regierungsprogramm für die Bundestagswahl 1961. In seiner Rede verspricht Kanzlerkandidat Willy Brandt eine neue Politik. Die Sozialdemokraten wollen vor allem die so genannten „Gemeinschaftsaufgaben“ anpacken: Gesundheitsvorsorge und -behandlung, Familienförderung und Sozialleistungen, Wohnungsbau und Verkehr sowie Umweltschutz.

Die SPD hat vor, den Mindesturlaub bis 1965 auf vier Wochen zu erhöhen sowie das Kindergeld und die Renten anzuheben. Außerdem will sie Maßnahmen für reine Luft, reines Wasser und weniger Lärm ergreifen. Brandts Forderung „Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden“ erregt Aufsehen, wird aber vom politischen Gegner und von Teilen der Medien als utopisch abgetan.

Wahlkampftour durch Deutschland

Im Bundestagswahlkampf 1961 erproben die SPD und Willy Brandt neue Methoden. Sein Berater Klaus Schütz hat die US-Präsidentschaftswahlen 1960 beobachtet und bringt von dort viele Ideen mit, die nun erstmals in der Bundesrepublik angewendet werden. So bricht der SPD-Kanzlerkandidat am 7. Mai 1961 zur „Deutschlandreise“ auf, bei der er nach dem Vorbild des amerikanischen „Canvassing“ den direkten Kontakt mit dem Wahlvolk sucht.

Bis zum 8. Juli 1961 ist Brandt an 21 Tagen in Westdeutschland unterwegs, wobei er über 22.000 km zurücklegt. Ende Juli setzt er die Tour fort. Pro Tag stehen Auftritte in fünf bis sechs Städten und in bis zu 15 Landgemeinden auf seinem Programm. Die Zeitungen sind voll mit Bildern und Reportagen über Brandt, der sich bewusst zum „deutschen Kennedy“ stilisieren lässt.

Zuspitzung der Berlin-Krise

Nach dem Wiener Gipfeltreffen von Kennedy und Chruschtschow am 3./4. Juni 1961 sind die Fronten in der Berlin-Frage verhärteter denn je. Der Strom der Menschen, die aus der DDR über die offene Sektorengrenze nach West-Berlin fliehen, schwillt immer mehr an.

Um die Sowjetunion und die DDR von einseitigen Schritten abzuhalten, bringt der Regierende Bürgermeister und SPD-Kanzlerkandidat Willy Brandt am 7. Juli 1961 eine Friedenskonferenz mit allen 52 ehemaligen Kriegsgegnern Deutschlands ins Gespräch. Doch Kanzler Adenauer lehnt diese Idee ab.

In einer Fernsehansprache betont US-Präsident Kennedy am 25. Juli 1961, dass die USA in West-Berlin bleiben werden. Auch der alliierte Zugang zur Stadt und die Lebensfähigkeit der West-Berliner gehören zu seinen nicht verhandelbaren „three essentials“.

Grenzschließung und Mauerbau in Berlin

Um die Massenabwanderung aus der DDR zu stoppen, riegelt das SED-Regime mit Zustimmung der Sowjetunion am 13. August 1961, einem Sonntag, die Berliner Sektorengrenze ab. Die kommunistischen Machthaber ordnen an, eine Mauer um West-Berlin zu bauen. Über Nacht werden tausende Familien getrennt. 50.000 Ost-Berlinern wird der Weg zu ihrem Arbeitsplatz im Westen versperrt.

Tags zuvor hat Willy Brandt in Nürnberg gewarnt, „dass die Maschen des Eisernen Vorhangs zuzementiert werden“. Als er am frühen Morgen des 13. August von der Grenzschließung erfährt, bricht er seine Wahlkampfreise sofort ab und fliegt nach Berlin. Den Absperrungen mitten durch die Stadt kann der Regierende Bürgermeister aber nur ohnmächtig zusehen. Scharf verurteilt er am Abend im Abgeordnetenhaus die östlichen Maßnahmen.

Briefwechsel mit Kennedy zum Mauerbau

Außer in Moskau zu protestieren, tut der Westen zur großen Enttäuschung der West-Berliner nichts gegen die von der DDR verhängte Grenzschließung in Berlin. Willy Brandt wendet sich daher am 15. August 1961 mit einem Brief direkt an John F. Kennedy. Der Regierende Bürgermeister fordert den US-Präsidenten auf, nicht länger untätig zu bleiben und einer drohenden Vertrauenskrise entgegenzuwirken.

Die Antwort Kennedys, die Vizepräsident Lyndon B. Johnson am 19. August 1961 Brandt persönlich überbringt, ist unmissverständlich: Die USA werden gegen den Mauerbau nicht einschreiten, da es sonst zum Krieg mit der Sowjetunion käme. Aber sie garantieren West-Berlins Sicherheit. Deshalb verstärkt Kennedy die US-Truppen in West-Berlin um 1.500 Mann, die viel umjubelt am 20. August 1961 dort eintreffen.

SPD-Zugewinne bei der Bundestagswahl

Bei der Bundestagswahl am 17. September 1961 erzielt die SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Willy Brandt 36,2% der Stimmen und damit 4,4 Punkte mehr als 1957. Doch das Wahlziel, dass ohne sie keine Regierung in Bonn gebildet werden kann, verfehlen die Sozialdemokraten. Trotz Verlusten für die CDU/CSU, die auf 45,3% kommt, kann der 85-jährige Bundeskanzler Konrad Adenauer weitermachen.

Nach wochenlangen Verhandlungen geht die FDP, die mit 12,8% die große Wahlgewinnerin ist, eine Koalition mit der Union ein. Brandts Anregung, wegen des Mauerbaus eine Allparteienregierung zu bilden, hat letztlich keine Chance. Sein Verhältnis zum Kanzler ist zudem sehr angespannt, seit Adenauer ihn in einer Wahlkampfrede am 14. August 1961 in Regensburg als „Brandt alias Frahm“ angegriffen hat.

Kurzbesuch in den USA

In New York erhält Willy Brandt am 6. Oktober 1961 den Freiheitspreis des Freedom House. Durch die Reise verpasst er die Geburt seines Sohnes Matthias am darauffolgenden Tag.

Über seine Gespräche in den USA und ein Telefonat mit Präsident Kennedy verfasst der Regierende Bürgermeister ein Memorandum für die Bundesregierung. Demnach gibt es in der amerikanischen Berlin-Politik „große Unklarheiten“. Brandt vermisst eine eindeutige Definition von Kennedys „three essentials“ und sieht die Bindungen West-Berlins an die Bundesrepublik in Gefahr.

Seiner Meinung nach streben die USA ein Abkommen mit der Sowjetunion an, das neben einer Berlin-Regelung auch die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und eine faktische Anerkennung der DDR beinhalten würde. Brandt mahnt, dass Bonn darauf reagieren müsse.

Kritik an isolierten Berlin-Verhandlungen

In Bonn unterrichtet Konrad Adenauer am 5. Dezember 1961 Willy Brandt über seine USA-Reise im November. In Washington hat der Kanzler zugestimmt, dass Amerikaner und Sowjets zunächst nur über Berlin verhandeln.

Das Ausklammern der deutschen Frage findet Brandt sehr bedenklich. Der Regierende Bürgermeister befürchtet, wie er Adenauer schon in einem Schreiben vom 16. November 1961 mitgeteilt hat, dass der Viermächtestatus künftig nur noch für West-Berlin gelten könnte. Die Mauer dürfe nicht hingenommen werden, betont Brandt. In den Berlin-Verhandlungen müsse der Westen zumindest die Einrichtung eines begrenzten Personenverkehrs zwischen beiden Teilen der Stadt verlangen.

In einer Rede vor dem Bundestag bekräftigt Brandt am 6. Dezember 1961 seine Position und fordert: „Die Mauer muss weg!“

„Ich bin bereit, mit Ostberlin zu verhandeln“

In einem „Spiegel“-Interview, das am 10. Januar 1962 erscheint, beharrt Willy Brandt auf der Forderung „Die Mauer muss weg!“ Wenn das nicht durchsetzbar sei, müsse man versuchen, die Mauer wenigstens zu durchlöchern. Der Regierende Bürgermeister erklärt, dass der West-Berliner Senat bereit sei, auf Beamtenebene mit dem Ost-Berliner Magistrat über Passierscheine für Verwandtenbesuche zu sprechen.

Ein entsprechendes Angebot ist bereits Ende November 1961 über das Rote Kreuz und die Stadtkommandanten nach Ost-Berlin übermittelt worden – erfolglos. Das SED-Politbüro fordert direkte Verhandlungen zwischen dem Senat und der DDR-Regierung. Das kommt für Brandt aber nicht in Frage. Er will weder einer völkerrechtlichen Selbständigkeit West-Berlins noch der Anerkennung der DDR Vorschub leisten.

Berlin-Besuch von Robert Kennedy

Auf seiner politischen Weltreise trifft der amerikanische Justizminister Robert Kennedy am 22. Februar 1962 für einen dreitägigen Besuch in West-Berlin ein. Der Bruder des US-Präsidenten macht sich in dessen Auftrag ein Bild von der Lage in der geteilten Stadt. Die Berliner bereiten Kennedy einen begeisterten Empfang.

Gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt besichtigt der Gast aus Amerika die Mauer, deren Brutalität ihn erschüttert. In der Bernauer Straße legen beide zu Ehren des ersten Maueropfers einen Kranz nieder. Bei einer Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus, an der 100.000 West-Berliner teilnehmen, und in einer Rede in der Freien Universität wiederholt Kennedy die amerikanischen Schutzgarantien für West-Berlin.

Transatlantische Krise

Die neuesten Berlin-Vorschläge der USA lösen Mitte April 1962 die bis dahin schwerste Krise in den deutsch-amerikanischen Beziehungen aus. Die US-Administration hat die Bundesregierung streng vertraulich über ihre Pläne informiert. Doch die werden rasch an die Medien weitergegeben. Präsident Kennedy ist darüber so verärgert, dass Bonns Botschafter in Washington im Mai seinen Hut nehmen muss.

Sehr kritisch bewertet die deutsche Seite vor allem die amerikanische Idee einer internationalen Zugangsbehörde, in der 13 Staaten über den freien Verkehr von und nach Berlin wachen sollen. Am 14. April 1962 teilt Willy Brandt Außenminister Gerhard Schröder (CDU) die Bedenken des West-Berliner Senats mit. In einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ spricht Brandt den USA gleichwohl das Vertrauen aus.

Stellvertretender SPD-Vorsitzender

Beim Bundesparteitag der SPD in Köln vom 26. bis 30. Mai 1962 werden Willy Brandt und Herbert Wehner zu den beiden Stellvertretern des Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer gewählt. Von den 335 Delegierten erhält Brandt 298 Stimmen, Wehner 232.

In seiner Rede nimmt der Regierende Bürgermeister von Berlin den CDU-Wahlkampfslogan „Keine Experimente“ aufs Korn, der das Motto für die Politik des Stillstands der Adenauer-Regierung sei. International dürfe die Bundesrepublik nicht länger im „Bremserhäuschen“ sitzen, sondern müsse in enger Abstimmung mit den Verbündeten endlich eigene Beiträge zur Entspannung leisten, fordert Brandt. Trotz eines neuen Parteiamts will er weiter „überparteilich“ auftreten, wie es in einem Schreiben an Ollenhauer und Wehner Anfang Juni 1962 heißt.

Wirtschaftliche Hilfe für West-Berlin

Nach dem Mauerbau sieht sich der Regierende Bürgermeister Willy Brandt großen wirtschaftlichen Problemen in West-Berlin gegenüber. Der Stadt fehlen plötzlich ca. 50.000 Arbeitskräfte („Grenzgänger“) aus Ost-Berlin und dem Umland. Wegen der unsicheren Lage wandern zudem Firmen und junge, qualifizierte Fachkräfte nach Westdeutschland ab.

Am 29. Juni 1962 verabschiedet der Bundestag in Bonn daher ein neues Berlin-Hilfe-Gesetz. Zulagen für Arbeitnehmer („Zitterprämie“) sowie Steuervergünstigungen und Investitionshilfen für Unternehmen belohnen das Bleiben und fördern den Zuzug. Mit Hilfe des Bundes gelingt es Brandt und seinem Senat, die Krise zu überwinden. Investitionsschwerpunkte in West-Berlin sind der Wohnungs- und Städtebau, Verkehrsprojekte und Kulturbauten, z. B. die neue Philharmonie.

Proteststurm gegen Todesschüsse

Allein im ersten Jahr nach ihrem Bau sterben an der Mauer 24 Menschen bei Fluchtversuchen. Die Empörung in Berlin ist groß, besonders nach dem Tod von Peter Fechter. Der 18-Jährige wird am 17. August 1962 von DDR-Grenzern niedergeschossen und bleibt auf Ost-Berliner Gebiet liegen. Von Westen sieht und hört man den Schwerverletzten. Doch niemand hilft Fechter, der verblutet.

In den folgenden Tagen kommt es zu teils gewalttätigen Protesten in West-Berlin. Sie richten sich erstmals auch gegen die drei Schutzmächte, denen Tatenlosigkeit vorgeworfen wird. Eindringlich mahnt Willy Brandt die Demonstranten zur Besonnenheit. In einer Radioansprache macht er am 2. September 1962 deutlich, dass die Mauer nicht mit Gewalt beseitigt werden kann und die westlichen Garantien nur für West-Berlin gelten.

Sorge vor sowjetischem Angriff auf West-Berlin

Am 7. September 1962 bekommt Willy Brandt von den drei westlichen Alliierten die Warnung, dass sowjetische Truppenbewegungen auf einen bevorstehenden militärischen Handstreich gegen West-Berlin hindeuteten. Seinen engsten Mitarbeitern rät der Regierende Bürgermeister daraufhin, solides Schuhwerk parat zu haben: „Es kann sein, dass wir weit laufen müssen.“

Seit Monaten ist man im West-Berliner Senat sehr besorgt. Im Juli 1962 sind die amerikanisch-sowjetischen Berlin-Gespräche endgültig abgebrochen worden. Erneut droht die Sowjetunion den baldigen Abschluss eines separaten Friedensvertrages mit der DDR an. Unterstützt von Egon Bahr, drängt Willy Brandt besonders auf die Klärung der Frage, wie der Westen in diesem Fall auf eine eventuelle Blockade der Zugangswege nach Berlin reagieren soll.

USA-Reise: Vorträge in Harvard und Treffen mit Kennedy

Am 2./3. Oktober 1962 hält Willy Brandt an der Harvard-Universität zwei Vorträge unter dem Titel „Koexistenz – Zwang zum Wagnis“. Wie schon in den 1950er Jahren plädiert er für eine Politik der Koexistenz, die den friedlichen Wettbewerb der Systeme und möglichst viele Verbindungen zwischen Ost und West fördert. So sollen westliche Ideen nach Osteuropa gebracht und der Kommunismus transformiert werden.

Bei den Gesprächen, die Brandt während seiner USA-Reise führt, steht jedoch die Berlin-Krise im Mittelpunkt. Im Weißen Haus spricht der Regierende Bürgermeister am 5. Oktober 1962 mit Präsident Kennedy über eine mögliche Blockade des Zugangs nach West-Berlin und die Gefahr eines sowjetischen Angriffs. Nach seiner Rückkehr informiert Brandt Bundeskanzler Adenauer über die Unterredung.

Doppelkrise um Kuba und Berlin

Am 22. Oktober 1962 erklärt Präsident Kennedy in einer Fernsehansprache, dass sich sowjetische Raketen auf Kuba befinden. Er verlangt den Abzug dieser auf die USA gerichteten Waffen und verhängt eine Seeblockade gegen die Karibikinsel. Die Welt steht am Rande eines Atomkriegs.

John F. Kennedy teilt Willy Brandt mit, dass West-Berlin mit östlichen Gegenmaßnahmen rechnen muss. Nichtsdestoweniger sichert der Regierende Bürgermeister dem US-Präsidenten seine volle Unterstützung zu. Bei einem sowjetischen Angriff ist Brandt sogar bereit, die Bevölkerung in der DDR zum Aufstand aufzurufen!

Am 28. Oktober 1962 lenkt Chruschtschow ein. Moskau zieht die Raketen aus Kuba ab. Brandt gratuliert Kennedy zu diesem Erfolg. Der glückliche Ausgang der Kuba-Krise ist ein Wendepunkt im Kalten Krieg.

„Spiegel-Affäre“ und Regierungskrise

Die Verhaftung führender Köpfe des Magazins „Der Spiegel“ Ende Oktober 1962 löst heftige Proteste in der Bundesrepublik aus und führt in Bonn zu einer Regierungskrise. Am 19. November 1962 beendet die FDP die Koalition mit der CDU/CSU. Gemeinsam mit der SPD verlangen die Liberalen die Entlassung von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß (CSU), der über seine Rolle in der Affäre gelogen hat.

Als Strauß am 30. November zurücktritt, führt Herbert Wehner für die SPD bereits geheime Gespräche über eine Große Koalition. Willy Brandt steht dem äußerst zurückhaltend gegenüber. An den Verhandlungen mit der Union, die letzten Endes scheitern, ist er wegen einer Grippe nur am Rande beteiligt. Mitte Dezember 1962 kommt es zu einer Neuauflage der CDU/CSU-FDP-Koalition unter Bundeskanzler Adenauer.

Erneut kein Treffen mit Chruschtschow

Einige Tage vor dem Mitte Januar 1963 stattfindenden Besuch des sowjetischen Staats- und Parteichefs Nikita Chruschtschow in Ost-Berlin bekundet Willy Brandt öffentlich sein Interesse an einer persönlichen Begegnung. Tatsächlich lädt Chruschtschow ihn für den Abend des 17. Januar 1963 in die Residenz des sowjetischen Botschafters ein. Die drei Alliierten und Bundeskanzler Adenauer haben nichts dagegen, dass Brandt die Einladung annehmen will.

Doch wie schon 1959 kommt ein Treffen nicht zustande. Kurz vor dem Termin droht die Berliner CDU mit dem Rücktritt ihrer Senatoren, falls der Regierende Bürgermeister nach Ost-Berlin fährt. Da er Chruschtschow nicht mit einer zerbrochenen Regierung im Rücken gegenübertreten will, zieht Brandt seine bereits gegebene Zusage zähneknirschend zurück.

Großer Wahlsieg der Berliner SPD

Bei der Abgeordnetenhauswahl in West-Berlin am 17. Februar 1963 erhält die vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt angeführte SPD 61,9% der Stimmen. Ihr bisheriger Koalitionspartner CDU mit Franz Amrehn an der Spitze kommt nur noch auf 28,8%. Daraufhin beendet Brandt das Bündnis mit den Christdemokraten, die vier Wochen zuvor sein geplantes Treffen mit Chruschtschow verhindert haben.

Trotz klarer eigener Mehrheit geht die Berliner SPD eine Koalition mit der FDP ein. In der neuen Regierung stellen die Sozialdemokraten acht und die Liberalen drei Senatoren. In seiner Regierungserklärung am 18. März 1963 verkündet Brandt, dass die im November 1958 von der Sowjetunion entfesselte Krise überstanden sei. Er betont: „Berlin ist eine Stadt des Westens. (…) Berlin ist ein deutsches Bundesland.“

Kulturtage in Paris und Treffen mit Präsident de Gaulle

Anlässlich der „Berliner Kulturtage“ ist Willy Brandt ab dem 24. April 1963 für drei Tage in Paris. Für ein Gespräch mit Frankreichs Präsident Charles de Gaulle wird der Regierende Bürgermeister per Hubschrauber ins lothringische Saint-Dizier gebracht. Es ist nach 1959 und 1962 die dritte Begegnung der beiden Politiker.

De Gaulle zeigt sich aufgeschlossen, die unmenschlichen Auswirkungen der Berliner Mauer lindern zu helfen. Wenig Verständnis hat er für die Absicht des Bundestags, bei der Ratifizierung des deutsch-französischen Élysée-Vertrags vom Januar 1963 in einer Präambel klarzustellen, dass er die transatlantischen und die europäischen Bindungen der Bundesrepublik nicht beeinträchtigt. Für den Zusatz, der auch auf Druck der USA zurückgeht, setzen sich Brandt und die SPD stark ein.

US-Präsident Kennedy in Berlin

Zum Abschluss seines viertägigen Deutschlandbesuchs kommt John F. Kennedy am 26. Juni 1963 nach West-Berlin. Die Begeisterung ist riesengroß. 1,5 Millionen Menschen säumen die Straßen, als der US-Präsident, der Regierende Bürgermeister Willy Brandt und Bundeskanzler Konrad Adenauer im offenen Wagen durch die Stadt fahren.

Nach der Besichtigung der Mauer findet am Rathaus Schönberg mittags eine Kundgebung statt. Dabei rühmt Kennedy das Freiheitsstreben und den Behauptungswillen West-Berlins gegen die kommunistische Bedrohung und erklärt: „Ich bin ein Berliner!“ Am Nachmittag bekennt er sich vor der Freien Universität zu einer Politik des Friedens und der Entspannung auch mit der Sowjetunion. Brandt stimmt hierin völlig mit Kennedy überein. Beide haben inzwischen großes Vertrauen zueinander.

Rede vor Evangelischer Akademie in Tutzing

Anknüpfend an die „Strategie des Friedens“ von US-Präsident John F. Kennedy skizziert Willy Brandt am 15. Juli 1963 in einer Rede in Tutzing die Grundzüge einer neuen Ost- und Deutschlandpolitik. Wie schon im Oktober 1962 in Harvard wirbt er für die Ost-West-Entspannung. Vor allem plädiert Brandt für ein neues Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion, denn ohne Moskau sei die deutsche Frage nicht zu lösen.

Das größte Aufsehen erregt indes, dass sich Senatspressesprecher Egon Bahr in Tutzing mit dem Slogan „Wandel durch Annäherung“ auch für Verhandlungen mit dem kommunistischen Regime in der DDR ausspricht. Sein Beitrag löst heftige Kontroversen aus. Trotz Bedenken gegen Bahrs Formel nimmt der Regierende Bürgermeister seinen engsten Berater vor Kritik in Schutz.

Rücktritt von Bundes­kanzler Adenauer

Fünf Tage vor seinem Abschied als Kanzler wird Konrad Adenauer die Ehrenbürgerwürde Berlins verliehen. Beim Festakt im Rathaus Schöneberg würdigt der Regierende Bürgermeister Willy Brandt am 10. Oktober 1963 die Verdienste des 86-Jährigen beim Aufbau der Bundesrepublik Deutschland. Besonders dankt er Adenauer dafür, stets ein offenes Ohr für die Nöte der Stadt gehabt zu haben.

Die Spannungen, die es zwischen beiden unmittelbar nach dem Mauerbau gegeben hat, verschweigt Brandt nicht. Darauf antwortet der scheidende Regierungschef schlagfertig: „Es sind hier Andeutungen gefallen von Konflikten – mir ist von Konflikten nichts mehr bekannt.“
Nach 14 Jahren im Amt tritt Adenauer am 15. Oktober 1963 zurück. Einen Tag später wählt der Bundestag in Bonn Ludwig Erhard (CDU) zum neuen Bundeskanzler.

Entsetzen über Kennedys Ermordung

Soeben von einer 2 ½-wöchigen Afrika-Reise zurückgekehrt, erfährt Willy Brandt am Abend des 22. November 1963 von der Ermordung John F. Kennedys. Um Mitternacht versammeln sich 50.000 West-Berliner spontan vor dem Rathaus Schöneberg. In einer Ansprache sagt Brandt: „Gerade wir in Berlin trauern, weil wir unseren besten Freund verloren haben.“ Der Ort, an dem der US-Präsident am 26. Juni 1963 seine berühmte Rede gehalten hat, wird wenig später in John-F.-Kennedy-Platz umbenannt.

Am 25. November 1963 nimmt Brandt an den Beisetzungsfeierlichkeiten in Washington teil. Als Freund der Familie wird der Regierende Bürgermeister auch zu einem Gespräch mit der Witwe Jacqueline Kennedy und dem Präsidentenbruder Robert Kennedy eingeladen. 1964 veröffentlicht Brandt ein Buch über seine „Begegnungen mit Kennedy“.

Erstes Passierschein-Abkommen in Berlin

Nach schwierigen Verhandlungen unterzeichnen die Bevollmächtigten des Senats von West-Berlin und der DDR-Regierung am 17. Dezember 1963 ein Passierscheinabkommen. Dadurch können West-Berliner erstmals seit dem Mauerbau Verwandte in Ost-Berlin besuchen. Insgesamt nutzen 730.000 Menschen die bis zum 5. Januar 1964 gültige Regelung. Willy Brandt, der am 18. Dezember seinen 50. Geburtstag feiert, freut sich sehr über die vielen menschlichen Begegnungen in der geteilten Stadt.

Das mit Zustimmung der Alliierten und der Bundesregierung geschlossene Abkommen ist der erste Erfolg seiner „Politik der kleinen Schritte“, mit der die Mauer durchlässiger werden soll. Gegen aufkommende Kritik in Berlin und Bonn versichert der Regierende Bürgermeister, die Vereinbarung bedeute keine Anerkennung der DDR.

Wahl zum SPD-Vorsitzenden

Auf einem außerordentlichen Parteitag in Bad Godesberg wird Willy Brandt am 15. Februar 1964 zum Nachfolger des zwei Monate zuvor verstorbenen Erich Ollenhauer zum SPD-Vorsitzenden gewählt. Er erhält 314 von 324 Stimmen und wird zudem erneut als Kanzlerkandidat nominiert. Stellvertreter des neuen Vorsitzenden werden Herbert Wehner und Fritz Erler, der zudem die Führung der SPD-Bundestagsfraktion übernimmt.

Für den Parteivorsitz hat Willy Brandt sich nur unter der Bedingung zur Verfügung gestellt, dass er sein Amt als Regierender Bürgermeister von Berlin nicht aufgeben muss. Für die SPD sieht er gute Chancen, die Bundestagswahl 1965 zu gewinnen, so Brandt in einem Interview mit dem Bonner General-Anzeiger Mitte März 1964.

Familienumzug in die Taubertstraße

Im Frühjahr 1964 ziehen die Brandts aus dem Marinesteig 14, wo sie seit Ende 1955 gewohnt haben, in ein vom Senat erworbenes Haus in der Taubertstraße 19 in Berlin-Grunewald um. Neben den Eltern und den drei Söhnen gehören auch ein Zwergpudel und eine Siamkatze zur Familie.

Für die geräumige Dienstvilla mit 6 Zimmern zahlt der Regierende Bürgermeister über 700 DM Miete. Auf dem dazugehörigen parkähnlichen Grundstück, das 7.000 Quadratmeter groß und einem Park ähnelt, befinden sich auch das Gästehaus des Senats und einen Swimmingpool.

Sympathie für de Gaulles Ostpolitik

Während seines USA-Besuchs vom 13. bis 21. Mai 1964 löst ein Lob Willy Brandts für Frankreichs amerikakritischen Präsidenten einigen Wirbel aus. In einer Rede vor der „Foreign Policy Association“ in New York erklärt der Regierende Bürgermeister und SPD-Vorsitzende am 15. Mai 1964, de Gaulle nutze den Spielraum zwischen den Supermächten, um die starren Fronten in Europa in Bewegung zu setzen. „Und manchmal frage ich mich als Deutscher: Warum eigentlich nur er?“

Kritiker werfen Brandt daraufhin vor, die transatlantische Partnerschaft in Frage zu stellen. In seinen Gesprächen mit Präsident Lyndon B. Johnson und Außenminister Dean Rusk macht Brandt klar, worum es ihm wirklich geht: Die Bundesrepublik soll endlich mehr Eigeninitiative für eine Entspannung mit den osteuropäischen Staaten zeigen.

Für Beziehungen mit Osteuropa

Im August 1964 schickt Willy Brandt die Aufzeichnung „Über Beziehungen zu osteuropäischen Staaten und Völkern“ an US-Außenminister Dean Rusk sowie an politische Freunde im In- und Ausland. Beim USA-Besuch im Mai 1964 hat Rusk ihn um diese Ausarbeitung gebeten.

Das mit Herbert Wehner und Fritz Erler abgestimmte Memorandum sieht Chancen, das Streben der Osteuropäer nach mehr Eigenständigkeit gegenüber der Sowjetunion zu fördern. Durch gemeinsame Projekte in Wirtschaft und Kultur sollten möglichst viele Verbindungen zwischen West- und Osteuropa geschaffen werden.

Als CDU/CSU und FDP in Bonn von dem vertraulichen Papier erfahren, werfen sie dem Regierenden Bürgermeister einen außenpolitischen Alleingang vor. Empört über die Kritik lässt Brandt die Aufzeichnung im Januar 1965 veröffentlichen.

Zweites Abkommen über Passierscheine

Nach monatelangen Verhandlungen einigen sich die Bevollmächtigten des West-Berliner Senats und der DDR-Regierung, Senatsrat Horst Korber und Staatssekretär Erich Wendt, am 24. September 1964 auf ein weiteres Passierscheinabkommen.

Die zweite Passierscheinregelung ermöglicht den West-Berlinern Verwandtenbesuche in Ost-Berlin vom 30. Oktober bis 12. November 1964, vom 19. Dezember 1964 bis 3. Januar 1965 sowie über Ostern und Pfingsten 1965. Außerdem wird vereinbart, dass ab 1. Oktober 1964 Anträge auf Besuche wegen dringender Familienangelegenheiten bevorzugt bearbeitet werden.

Zum großen Bedauern von Willy Brandt hat es ab Ende Februar 1964 eine längere Unterbrechung der Gespräche gegeben, nicht zuletzt wegen der großen Vorbehalte von Bundeskanzler Ludwig Erhard gegen das erste Abkommen.

SPD-Parteitag in Karlsruhe

Der SPD-Bundesparteitag, der vom 23. bis 27. November 1964 in Karlsruhe tagt, bestätigt Willy Brandt mit 314 von 329 Stimmen als Vorsitzenden. Für die Bundestagswahl 1965 gibt der Kanzlerkandidat als Ziel aus: Die SPD soll stärkste Partei werden und regieren. In Brandts hochkarätig besetzter Regierungsmannschaft sind Fritz Erler für Außenpolitik, Karl Schiller für Wirtschaft, Helmut Schmidt für Verteidigung und Herbert Wehner für gesamtdeutsche Fragen zuständig.

Mit Hans Werner Richter und Günter Grass sind auch prominente Intellektuelle zu Gast beim Parteitag. Rückwärtsgewandt wirkt indes das Bühnenbild: Unter dem Motto „Erbe und Auftrag“ sind ein Portrait von Kurt Schumacher und die Umrisse Deutschlands in den Grenzen von 1937, also mit den Gebieten östlich von Oder und Neiße, zu sehen.

Kuraufenthalt in Wildbad Kreuth

Ende Januar 1965 begibt sich Willy Brandt zu einer dreiwöchigen Kur nach Wildbad Kreuth am Tegernsee. Diese Auszeit vom Politikbetrieb bedeutet aber nicht, dass der Regierende Bürgermeister von Berlin und SPD-Vorsitzende währenddessen nicht auch arbeiten würde. In einem Schreiben an Bürgermeister Heinrich Albertz vom 13. Februar 1965 erteilt Brandt beispielsweise detaillierte Anweisungen an die Berliner Senatskanzlei.

Wie der 51-Jährige im August 1965 in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zugibt, schränkt er infolge des Kuraufenthalts seinen Alkoholkonsum ein und trinkt „keine harte Sachen“ mehr. Nach eigenen Angaben raucht Brandt nach einem Umstieg auf Zigarillos auch weniger. Allerdings findet seine Frau Rut, er rauche immer noch zuviel.

Erneute Reise in die USA

Begleitet vom Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion, Fritz Erler, hält sich Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt für zehn Tage in den USA auf. Mit Präsident Lyndon B. Johnson, Außenminister Dean Rusk, Verteidigungsminister Robert McNamara und weiteren US-Politikern sprechen sie u. a. über die Lage in Berlin, Initiativen in der Deutschlandfrage, die Beziehungen mit Frankreich und die geplante Multilaterale Atomstreitmacht (MLF) der NATO.

In der Bilanz des Besuchs, die er als Parteivorsitzender und Kanzlerkandidat der SPD zieht, betont Brandt die hohe Übereinstimmung mit der US-Regierung. Für deren Politik in Vietnam fordert er von Europa und Deutschland mehr Verständnis. Am 19. April 1965 verleiht die „New School of Social Research“ in New York Brandt die Ehrendoktorwürde.

Besuch der Queen in Berlin

Während ihres ersten Deutschland-Besuchs vom 18. bis 28. Mai 1965 kommt die britische Königin Elizabeth II. auch nach Berlin. Am 27. Mai wird sie vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt begrüßt. Die Berliner bereiten der Monarchin einen ähnlich begeisterten Empfang wie knapp zwei Jahre zuvor John F. Kennedy.

Die Queen nimmt auf dem Maifeld am Olympiastadion die britische Morgenparade ab, besichtigt die Mauer am Potsdamer Platz, pflanzt einen Baum im Tiergarten und trägt sich im Rathaus Schöneberg in das Goldene Buch der Stadt ein. Gemeinsam mit Brandt und Kanzler Ludwig Erhard isst die Königin in der Orangerie des Charlottenburger Schlosses zu Mittag, bevor sie Berlin in Richtung Hannover verlässt.

Politische Gespräche in Paris

Bei einem dreitägigen Besuch in Paris trifft Willy Brandt am 2. Juni 1965 erneut mit dem französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle zusammen. Themen der Unterredung sind neben den deutsch-französischen Beziehungen und dem Stand der europäischen Integration auch das Verhältnis zu Osteuropa und zur Sowjetunion sowie die NATO und deren Sicherheitskonzept.

Von einem Mitspracherecht der Bundesrepublik an der atomaren Verteidigung der atlantischen Allianz hält Frankreichs Präsident nichts. Zur deutschen Frage erklärt de Gaulle unverblümt, es gebe keine Chance für die Wiedervereinigung, wenn die Grenzen mit der Tschechoslowakei und Polen nicht anerkannt würden. Tags darauf führt Brandt weitere Gespräche mit Ministerpräsident Georges Pompidou und Außenminister Maurice Couve de Murville.

Bundestagswahlkampf und neuerliche Diffamierungswelle

Wie schon vier Jahre zuvor geht Willy Brandt auch im Bundestagswahlkampf 1965 auf „Deutschlandfahrt“, um in direkten Kontakt mit dem Volk zu kommen. Im Auto und im Sonderzug legt der SPD-Kanzlerkandidat an die 50.000 Kilometer zurück. „Sicher ist sicher“ lautet der Slogan der Sozialdemokraten, deren Wahlprogramm Brandt bei einem Kongress in Dortmund am 14. August 1965 vorstellt. Sein Appell für einen sachlichen Wahlkampf verhallt jedoch.

Noch massiver als 1961 diffamieren CDU und CSU Willy Brandts Exilzeit. Unterstützung erfährt er dagegen erstmals von namhaften Intellektuellen. 25 Autoren, allen voran Günter Grass, plädieren für eine neue Regierung und ergreifen öffentlich Partei für Brandt und die SPD. Bundeskanzler Ludwig Erhard beschimpft die Schriftsteller daraufhin als „Pinscher“.

Bundestagswahl: Niederlage gegen Erhard

Bei der Wahl zum 5. Deutschen Bundestag am 19. September 1965 verfehlt Kanzlerkandidat Willy Brandt die selbst gesteckten Ziele deutlich. Zwar verbessert die SPD sich auf 39,3%, aber für Platz 1 reicht das bei weitem nicht. Stärkste Fraktion bleibt klar die CDU/CSU, die mit Kanzler Ludwig Erhard auf 47,6% kommt. Die FDP erreicht 9,5% und wird wieder der Koalitionspartner der Union.

Enttäuscht über die Niederlage und tief getroffen von den Diffamierungen im Wahlkampf, erklärt Brandt drei Tage nach der Wahl, nicht mehr als Kanzlerkandidat zur Verfügung zu stehen. Auch das Bundestagsmandat in Bonn nimmt er nicht an. Kurzzeitig scheint er sogar seinen völligen Rückzug aus der Politik erwogen zu haben. Doch Brandt macht als SPD-Vorsitzender und als Regierender Bürgermeister von Berlin weiter.

Drittes Passierschein-Abkommen in Berlin

Am 25. November 1965 unterzeichnen die Unterhändler des Berliner Senats und der DDR-Regierung, Senatsrat Horst Korber und Staatssekretär Michael Kohl, das dritte Passierscheinabkommen. Auf Antrag können West-Berliner im Zeitraum vom 18. Dezember 1965 bis zum 2. Januar 1966 ihre Verwandten in Ost-Berlin besuchen. Vom 29. Dezember 1965 bis zum 31. März 1966 sind zudem Besuche in dringenden Familienangelegenheiten möglich.

Für den Regierenden Bürgermeister Willy Brandt ist die neue Übereinkunft „kein Anlass zum Jubel“. Er verspricht, sich um bessere Vereinbarungen zu bemühen, warnt aber auch vor Wunschdenken. Für Verärgerung bei den West-Berlinern sorgt vor allem, dass die DDR seit dem 1. Dezember 1964 Tagesbesucher aus dem Westen dazu zwingt, drei D-Mark 1:1 in Ostmark umzutauschen.

Demonstration gegen Vietnam-Krieg

Am 5. Februar 1966 demonstrieren rund 200 Studenten vor dem Amerikahaus in West-Berlin gegen die Bombardierung Nordvietnams durch die US-Luftwaffe. Die Demonstranten blockieren den Zugang zum Gebäude durch einen Sitzstreik, werfen Eier auf die Fassade und versuchen die amerikanische Flagge herunterzureißen.

In einer Presseerklärung verurteilt Willy Brandt die Protestaktion scharf. Der Regierende Bürgermeister sieht das Ansehen Berlins in Gefahr und wirft den Studenten vor, die deutsch-amerikanische Freundschaft zu besudeln. Auch gegenüber US-Präsident Johnson, den er am 23. Februar 1966 in Washington trifft, äußert Brandt keine Kritik an Amerikas Vorgehen in Vietnam. Allerdings erfährt er bei dieser Reise, dass in den USA die Debatte über den Krieg bereits sehr kontrovers geführt wird.

Vierte Passierschein-Regelung und Bonns „Friedensnote“

Das vierte Passierscheinabkommen zwischen Senat und DDR-Regierung, das am 7. März 1966 abgeschlossen wird, gilt für Ostern und Pfingsten 1966. In dieser Zeit können West-Berliner wieder Verwandte in Ost-Berlin besuchen. Es ist jedoch die letzte Übereinkunft dieser Art. Weitere Verhandlungen scheitern. Denn das SED-Regime lehnt neue Abkommen ab, solange der DDR die Anerkennung verweigert und West-Berlin nicht als selbstständige politische Einheit behandelt wird.

Dass die Bundesrepublik die Existenz des ostdeutschen Staates noch immer nicht akzeptiert, zeigt auch die „Friedensnote“, die der Bundestag am 25. März 1966 einstimmig verabschiedet. Darin bietet Bonn der Sowjetunion und den osteuropäischen Staaten, aber nicht der DDR, erstmals den Austausch von Gewaltverzichtserklärungen an.

Dialog mit Sowjet-Botschaftern

Am 8. Mai 1966 trifft Willy Brandt erstmals mit dem sowjetischen Botschafter in der DDR, Pjotr Abrassimow, zusammen. Die Unterredung, die beide bei einem Empfang des schwedischen Generalkonsuls Sven Backlund in West-Berlin miteinander führen, kreist um die deutsch-sowjetischen Beziehungen und Berliner Fragen.

Nach weiteren Treffen am 6. Juni und am 29. September nimmt der Regierende Bürgermeister eine Einladung Abrassimows nach Ost Berlin an. Am 12. Oktober 1966 fährt er in Begleitung seiner Frau Rut zu einem Abendessen in die Sowjetische Botschaft Unter den Linden.

Zu einer fünften Begegnung kommt es am 22. November 1966 in West-Berlin. Brandt will Entspannung mit der Sowjetunion. Schon im März 1966 hat er auch zum ersten Mal mit Moskaus Botschafter in Bonn, Andrei Smirnow, gesprochen.

Kein Redneraustausch zwischen SPD und SED

Nach monatelangem, über offene Briefe ausgetragenen Tauziehen sagt die SED-Führung in Ost-Berlin am 29. Juni 1966 einen für Juli geplanten Redneraustausch mit der SPD ab. Ein öffentlicher Auftritt von Willy Brandt, Fritz Erler und Herbert Wehner in Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) und eine Veranstaltung mit SED-Funktionären in Hannover fallen somit aus.

Ein Gesetz des Bundestages, durch das die aus der DDR in die Bundesrepublik einreisenden Redner befristet nicht strafverfolgt worden wären, nimmt die SED als Vorwand für die Absage. Trotzdem will der SPD-Vorstand die Bemühungen um eine offene Auseinandersetzung mit der DDR-Staatspartei fortsetzen. Dazu hat sich auch der Parteitag Anfang Juni 1966 in Dortmund bekannt, bei dem Brandt fast einstimmig als SPD-Vorsitzender bestätigt worden ist.

Blumen zu Speers Freilassung

Mit Ablauf seiner 20-jährigen Haftstrafe wird Albert Speer, Hitlers Architekt und Rüstungsminister, aus dem Alliierten Kriegsverbrechergefängnis in Berlin-Spandau entlassen. Aus diesem Anlass schickt Willy Brandt der in Berlin lebenden Speer-Tochter Hilde Schramm am 29. September 1966 per Boten einen Blumenstrauß.

Der Regierende Bürgermeister hat seit 1962 die letztlich vergeblichen Bitten Schramms um eine vorzeitige Freilassung ihres Vaters unterstützt. Da Reporter die Wohnung der Frau belagern, wird der Blumengruß publik. Die Geste stößt in der Presse, bei Nazi-Verfolgten und in der SPD auf Unverständnis und Kritik, die Brandt überrascht. Auf Bitten ihres Vorsitzenden Heinz Galinski muss er seine Teilnahme an der Pogrom-Gedenkveranstaltung der Jüdischen Gemeinde am 9. November absagen.

Ein Erstickungsanfall und ein Buch als Zäsuren

Willy Brandt ist zu Hause, als er am 23. Oktober 1966, einem Sonntag, plötzlich einen Anfall erleidet. Der 52-Jährige hat Brustschmerzen, bekommt keine Luft mehr und glaubt zu ersticken. Es ist das Roemheldsche Syndrom: Eine Luftansammlung im Magen-Darm-Trakt drückt auf das Zwerchfell und weiter auf das Herz. Medizinisch ist die Sache schnell ausgestanden. Aber das Gefühl, dem Tod ins Auge gesehen zu haben, verändert Brandts Einstellung zum Leben.

Auch sein Buch „Draußen – Schriften während der Emigration“, das im selben Monat erscheint, stellt eine Zäsur dar. Gegen die Diffamierungen, die ihm im Bundestagswahlkampf 1965 so zugesetzt haben, geht Brandt in die Offensive: Was er im Exil zu Papier gebracht hat, ist vorzeigbar, und nichts davon muss wegerklärt werden, betont er selbstbewusst.

Einigung auf eine Große Koalition in Bonn

Wegen einer Wirtschaftskrise zerbricht im Herbst 1966 die Koalition von CDU/CSU und FDP. Nachdem sich Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) zum Rücktritt bereit erklärt und die Unionsfraktion Kurt Georg Kiesinger zum Kanzlerkandidaten gewählt hat, beginnen Mitte November 1966 Verhandlungen über eine neue Regierung.

Am 27. November 1966 einigen sich die Delegationen von CDU/CSU und SPD auf eine Große Koalition. Zuvor sind ihre jeweiligen Gespräche mit der FDP gescheitert. Nach zehnstündiger Debatte billigen die Spitzengremien der SPD am frühen Morgen des 29. November 1966 das neue Bündnis. In dieser Sitzung, aber auch in einem Briefwechsel mit Günter Grass und in einem Schreiben an die SPD-Mitglieder verteidigt der Parteivorsitzende Willy Brandt die Regierungsbeteiligung gegen heftige Kritik.

Amtsantritt als Außenminister und Vizekanzler

Am 1. Dezember 1966 wählt der Bundestag in Bonn Kurt Georg Kiesinger (CDU) zum neuen Bundeskanzler. Am selben Tag werden die Kabinettsmitglieder ernannt und vereidigt.

Willy Brandt wird Außenminister und Vizekanzler. Den zumeist konservativen Mitarbeitern des Auswärtigen Amts (AA) begegnet er sehr aufgeschlossen. Die außenpolitischen Ziele der Großen Koalition umreißt Brandt so: „Rechte unseres Volkes wahren, Europa bauen, Frieden durch illusionslose Entspannung sichern.“ Seine erste Auslandsreise als Minister führt ihn Mitte Dezember nach Paris.

In Bonn zieht die Familie Brandt in eine Dienstvilla im Kiefernweg 12 auf dem Venusberg ein. Nur Sohn Peter bleibt in Berlin. Egon Bahr und Klaus Schütz begleiten Willy Brandt ins AA. Heinrich Albertz (SPD) wird neuer Regierender Bürgermeister.