SPD-Politiker im geteilten Berlin

1947 zieht Willy Brandt nach Berlin. In der Vier-Mächte Stadt arbeitet er als Presseattaché in der Norwegischen Militärmission. 1948 wechselt Brandt in die deutsche Politik und wird wieder deutscher Staatsbürger. Sein allmählicher Aufstieg in der Berliner SPD vollzieht sich vor dem Hintergrund des Kalten Krieges zwischen Ost und West. Berlin-Blockade und „Luftbrücke“, die Teilung der Stadt sowie die Gründung der Bundesrepublik und der DDR 1948/49 sind prägende Erfahrungen. Im Bonner Bundestag und im West-Berliner Parlament, dessen Präsident er 1955 wird, setzt Brandt sich leidenschaftlich für die Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit ein.

Alle Texte des multimedialen Zeitstrahls 1947-1956

Norwegischer Presseattaché

Am 17. Januar 1947 nimmt Willy Brandt seine Tätigkeit bei der Norwegischen Militärmission in der Uhlandstraße 7 in Berlin auf. Er ist für Presse- und Informationsarbeit zuständig und hat dadurch Kontakt mit Journalisten, alliierten Vertretern und deutschen Politikern. Trotz seiner rein diplomatischen Aufgabe muss Brandt als „ziviler Offizier“ im Rang eines Majors bei offiziellen Anlässen norwegische Uniform tragen. Bilder, die ihn darin zeigen, werden später für Diffamierungskampagnen missbraucht.

Für das Außenministerium in Oslo verfasst Brandt mehr als 400 Berichte über die alliierte Deutschlandpolitik, die Entwicklungen in den vier Besatzungszonen und speziell Norwegen betreffende Belange. Thema ist auch die Versorgungslage der Deutschen, die unter einem sehr strengen Winter leiden.

Erste Begegnung mit Ernst Reuter

Seit seiner Ankunft in Berlin ist Willy Brandt häufig bei Annedore Leber, der Witwe von Julius Leber, zu Besuch. In ihrem Zehlendorfer Haus finden sich regelmäßig prominente Gesprächspartner ein. Hier trifft der norwegische Presseattaché im Februar 1947 zum ersten Mal auf Ernst Reuter, den späteren Oberbürgermeister und Regierenden Bürgermeister von Berlin.

Der 57 Jahre alte Sozialdemokrat ist im Herbst 1946 aus dem türkischen Exil nach Deutschland zurückgekehrt. Mit Reuter, der mit seiner „menschenfreundlich-umgänglichen Art“ Wärme und Optimismus ausstrahlt, versteht sich Brandt auf Anhieb sehr gut.

Ankunft von Rut Bergaust in Berlin

Kurz nach Ostern 1947 kommt Willy Brandts Freundin Rut Bergaust nach Berlin. Er hat alle Hebel in Bewegung gesetzt, damit auch sie in der Norwegischen Militärmission arbeiten kann. Dort ist Rut im Rang eines Fähnrichs als Büroassistentin angestellt. Die zerbombte Stadt und das große Nachkriegselend schockieren die junge Norwegerin. Beeindruckt aber ist sie vom Lebenswillen und Humor der Berlinerinnen und Berliner, unter denen sie sich bald sehr wohl fühlt.

Nach einigen Wochen zieht die 27-Jährige zu Brandt in eine Villa in der Marathonallee im Berliner Westend, wo noch drei weitere norwegische Offiziere untergebracht sind. Willys Scheidung von seiner ersten Ehefrau Carlota, von der er seit mehr als zwei Jahren getrennt lebt, erfolgt im Herbst 1947.

Reise nach Prag

Im Juli 1947 verbringen Willy Brandt und seine Freundin Rut Bergaust einige Tage in Prag. Beide sind beeindruckt von den lebhaften politischen Diskussionen dort. Noch gibt es Meinungsfreiheit in der Tschechoslowakei, die von einer Allparteienkoalition regiert wird. Doch der Druck der Sowjetunion und der Einfluss der Kommunisten nehmen stetig zu.

Zuvor hat Brandt vom 29. Juni bis 2. Juli den SPD-Parteitag in Nürnberg beobachtet. In einem Bericht an das Osloer Außenministerium hebt der Presseattaché der Norwegischen Militärmission in Berlin die „dominierende Stellung“ und die scharfe antikommunistische Rhetorik des SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher hervor. Eindruck gemacht habe aber auch, so Brandt, „die sachliche Art“, mit der der Berliner Delegierte Ernst Reuter argumentiere.

Wiedereinstieg in die deutsche Politik

In einem Brief an Außenminister Halvard Lange beantragt Willy Brandt am 7. November 1947, ihn zum Jahresende aus norwegischen Diensten zu entlassen. Während eines Norwegen-Urlaubs im Spätsommer 1947 ist ihm klargeworden, die Politik nicht länger nur beobachten, sondern in Deutschland selbst mitgestalten zu wollen.

Der Abschied von Norwegen fällt Brandt nicht leicht. An Lange schreibt er: „Norwegen hat mich als politischen Menschen und auch sonst geprägt.“ Nun wolle er versuchen, „dabei zu helfen, dass Deutschland nach Europa zurückgeführt wird“. In Berlin möchte der 33-Jährige Nachfolger von Erich Brost als Vertreter des SPD-Vorstands werden. Nach Gesprächen mit der Parteispitze in Hannover Anfang November 1947 scheint Brandts Berufung nur noch Formsache zu sein.

Mutiger Brief an Kurt Schumacher

Während einer Skandinavien-Reise Ende November 1947 werden dem SPD-Vorsitzenden Kurt Schumacher üble Dinge über Willy Brandt erzählt. „Illegaler Schieber“, „Geschäftemacher“, „verkappter SED-Mann“, „Agent der Kominform“ lauten die Vorwürfe, hinter denen vor allem Kurt Heinig steckt. Die Entscheidung über Brandts Ernennung zum Berliner Vertreter des SPD-Vorstands wird deshalb vertagt.

Daraufhin wendet Brandt sich am 23. Dezember 1947 in einem Brief direkt an Schumacher. Er weist die Verleumdungen aus Emigrantenkreisen entschieden zurück und bekennt sich klar zur Politik der SPD. Zugleich behält sich der 34-Jährige vor, sich stets ein eigenes Urteil bilden zu dürfen. Das Schreiben wirkt. Ende Januar 1948 wählt die SPD-Führung Brandt einstimmig zu ihrem Repräsentanten in Berlin.

Berliner Vertreter des SPD-Parteivorstands

Im Januar 1948 beginnt Willy Brandt seine Arbeit im „Berliner Sekretariat“ des SPD-Parteivorstands. In der Viersektorenstadt ist er der Verbindungsmann von Parteichef Kurt Schumacher zu den alliierten Behörden und zum SPD-Landesverband. Bis November 1949 informiert Brandt die SPD-Führung in Hannover in insgesamt 372 schriftlichen Berichten über die dramatischen Entwicklungen in Berlin und gibt politische Empfehlungen dazu ab. Seine Tätigkeit ist vom beginnenden „Kalten Krieg“ zwischen Ost und West geprägt.

Um persönlich an Vorstandssitzungen und Parteikonferenzen teilzunehmen, fliegt er zwei- bis dreimal pro Monat nach Westdeutschland. Dienstsitz in Berlin ist eine kleine Villa in der Trabener Straße 74 am Halensee, wo Brandt mit seiner Verlobten Rut auch wohnt.

Rede gegen den Prager Putsch

Bei einer Konferenz der Kreisvorstände der Berliner SPD hält Willy Brandt am 12. März 1948 vor etwa 500 Sozialdemokraten seine erste öffentliche Rede in Berlin. Der Vertreter des SPD-Parteivorstands spricht über den kommunistischen Putsch in Prag und die daraus zu ziehenden Lehren. Zwei Wochen zuvor haben die Kommunisten in der Tschechoslowakei durch einen Staatsstreich die alleinige Macht übernommen.

Viele befürchten nun, dass sich dies an der Spree wiederholen und ganz Berlin in den sowjetischen Machtbereich fallen könnte. Brandt grenzt sich scharf von der kommunistischen Diktatur im Osten ab und betont die enge Verbundenheit mit den demokratischen Westmächten im Kampf um die Freiheit. Seine Rede wird mit viel Beifall aufgenommen und macht ihn in der Berliner SPD bekannt.

Berlin-Blockade und „Luftbrücke“

1948 scheitert die gemeinsame Kontrolle der vier Siegermächte über Berlin und Deutschland als Ganzes. Bereits im März 1948 hat sich die Sowjetunion aus dem Alliierten Kontrollrat zurückgezogen. Mitte Juni 1948 verlässt der sowjetische Vertreter auch die Alliierte Kommandantur für Groß-Berlin. Am 20. Juni 1948 findet in den drei Westzonen eine Währungsreform statt, wodurch die D-Mark die Reichsmark ersetzt. Als die Sowjets drei Tage später die Ausgabe einer Gegenwährung für ihre Zone und Berlin verkünden, führen die Westmächte die D-Mark auch in West-Berlin ein. Daraufhin riegelt die Sowjetunion am 24. Juni 1948 die Land- und Wasserwege zu den drei Westsektoren Berlins ab.

Trotz dieser Blockade sind die USA, Großbritannien und Frankreich entschlossen, mit ihren Truppen in Berlin zu bleiben. Am 26. Juni 1948 beginnen Amerikaner und Briten damit, die Westsektoren aus der Luft zu versorgen. Sie richten eine „Luftbrücke“ ein, über die bald im Minutentakt Lebensmittel und Güter für die mehr als zwei Millionen Einwohner eingeflogen werden.

Auf deutscher Seite führt Ernst Reuter, der gewählte, aber durch sowjetisches Veto an der Amtsausübung gehinderte Oberbürgermeister, den Berliner Freiheitskampf an. Willy Brandt unterstützt ihn und gilt rasch als „Reuters Mann“. Unter keinen Umständen dürften die Westmächte die Stadt aufgeben, lautet ihre Forderung. Bei einer Sitzung der SPD-Spitze in Hannover erklärt Brandt am 30. Juni 1948, „dass die Rettung Berlins auch (…) die Sicherung eines demokratischen Aufbaus im Westen bedeutet“.

Wiedereinbürgerung in Deutschland

Am 1. Juli 1948 wird in Kiel die Urkunde ausgestellt, durch die Willy Brandt offiziell wieder Deutscher wird. In Kraft tritt dieser Verwaltungsakt allerdings erst am 24. September 1948, als ihm – zehn Jahre nach seiner Ausbürgerung durch die NS-Behörden – im Beisein eines Notars das Schriftstück in Berlin ausgehändigt wird. Damit erlischt zugleich Brandts norwegische Staatsbürgerschaft.

Die Klärung der Staatsangehörigkeit ist eine Bedingung der SPD-Führung gewesen, die den 34-Jährigen im Januar 1948 zu ihrem Vertreter in Berlin bestellt hat. Da es keine deutsche Zentralregierung gibt, hat er seinen Antrag auf Wiedereinbürgerung beim Land Schleswig-Holstein stellen müssen, zu dem seine Geburtsstadt Lübeck inzwischen gehört. Die Einbürgerungsurkunde stammt noch aus der Zeit des „Dritten Reichs“. Nur das Hakenkreuz ist mit Tusche übermalt.

Die amtliche Beglaubigung der Namensänderung von Herbert Ernst Karl Frahm zu Willy Brandt erfolgt am 11. August 1949 durch den Berliner Polizeipräsidenten.

Auftakt zur Weststaatsgründung

Mit der Berlin-Blockade hat der sowjetische Diktator Josef Stalin die wirtschaftliche und politische Neuordnung in Westdeutschland stoppen wollen. Tatsächlich beschleunigt sein Konfrontationskurs die Weststaatsgründung.

Am 1. September 1948 konstituiert sich in Bonn der Parlamentarische Rat, der für die drei Westzonen eine provisorische Verfassung, das Grundgesetz, ausarbeiten soll. Die Schaffung eines demokratischen Bundesstaats geht auf Empfehlungen der Westmächte zurück.

Dass im Parlamentarischen Rat auch fünf Berliner Vertreter mit beratender Stimme sitzen, begrüßt Willy Brandt sehr. Die Beteiligung Berlins sei auch deshalb von großer Bedeutung, so sagt er Anfang August 1948 in einer SPD-Vorstandssitzung, weil die Bevölkerung in der Ostzone sich zunehmend isoliert fühle.

Reuters Appell an die „Völker der Welt“

Vor der Reichstagsruine demonstrieren am 9. September 1948 über 300.000 Menschen gegen die sowjetische Blockade Berlins. In seiner Rede appelliert Ernst Reuter an die „Völker der Welt“, die Stadt nicht preiszugeben. Ihre politische Teilung ist indes nicht mehr aufzuhalten. Drei Tage zuvor haben kommunistische Trupps erneut eine Sitzung der frei gewählten Stadtverordnetenversammlung im Ostsektor verhindert. Fortan treffen sich die Abgeordneten von SPD, CDU und LDP ohne die SED nur noch in West-Berlin.

Willy Brandt bewundert den ungebrochenen Widerstandswillen der Berliner. In der SPD-Broschüre „Worum geht es in Berlin?“, die im Herbst 1948 erscheint, schreibt er: „Gestern noch verhasste Zitadelle des Nazitums, ist Berlin heute zu einem Vorposten der europäischen Freiheit geworden.“

Geburt von Sohn Peter

Am 4. Oktober 1948 wird Peter, das erste Kind von Willy und Rut Brandt, in Berlin geboren. Er ist ein richtiges Blockadekind. Peter kommt bei Kerzenlicht im kaum beheizten Krankenhaus zur Welt.

Genau einen Monat zuvor haben Willy und Rut in der Messe der Norwegischen Militärmission in Berlin geheiratet. Ein norwegischer Militärpfarrer hat sie getraut.

Skandinavien-Reise

Mitte November 1948 reist Willy Brandt für ein paar Tage nach Schweden und Norwegen. In Stockholm spricht er mit schwedischen Politikern im Reichstagsgebäude. In Oslo nimmt Brandt an einer großen Versammlung im „Arbeidersamfunn“ und einer Vorstandssitzung der Norwegischen Arbeiterpartei (DNA) teil. Außerdem diskutiert der 34-Jährige mit Studenten und ist beim Rundfunk sowie bei konservativen und liberalen Zeitungen zu Gast.

Von den Solidaritätsbeweisen für den Berliner Freiheitskampf und die deutsche Sozialdemokratie ist Brandt beeindruckt. „Das bedeutet allerdings nicht, dass die Skandinavier bereits unter das Vergangene einen Strich gezogen hätten und der weiteren deutschen Entwicklung volles Vertrauen schenkten“, schreibt er am 26. November 1948 im „Sozialdemokratischen Pressedienst“.

Großer Wahlsieg der Berliner SPD

Am 5. Dezember 1948 finden in den drei Westsektoren Berlins Neuwahlen zur Stadtverordnetenversammlung statt. Die SPD erzielt überragende 64,5 % der Stimmen. Dennoch geht sie erneut ein Regierungsbündnis mit CDU und LDP ein. Gegenüber der SPD-Führung in Hannover müssen der Landesvorsitzende Franz Neumann und Willy Brandt als Berliner Vertreter des Parteivorstands die Koalitionsentscheidung nachdrücklich verteidigen.

Einstimmig wählt die Stadtverordnetenversammlung Ernst Reuter (SPD) am 7. Dezember zum Oberbürgermeister. Nun gibt es in West- und in Ost-Berlin jeweils ein Parlament, eine Kommunalverwaltung und ein Stadtoberhaupt mit dem formalen Anspruch, für ganz Berlin zuständig zu sein. Im Ostsektor ist seit November 1948 Friedrich Ebert (SED) Oberbürgermeister.

Protest gegen Terror der Kommunisten

Am 7. Februar 1949 präsentiert Willy Brandt auf einer Pressekonferenz in Berlin die SPD-Broschüre „Zum Spitzel gezwungen!“ Sie dokumentiert das Agentensystem und die Willkür der sowjetischen Geheimpolizei in der SBZ.

Bereits im September 1948 hat Brandt mit dem Bericht „Terror in der Sowjetzone“ angeprangert, dass Tausende Gegner der kommunistischen Herrschaft eingesperrt, gefoltert und in die Sowjetunion deportiert werden. Auch der 35-Jährige muss fürchten, verschleppt zu werden. Noch im Februar 1949 wird ein mit ihm befreundeter Sozialdemokrat aus West-Berlin in den Ostsektor entführt.

Bald darauf ordnet die SPD-Führung an, dass Brandt keine Rednerauftritte mehr in Ost-Berlin absolvieren darf. Dort darf sich die SPD zwar legal betätigen, ist aber wachsendem Druck ausgesetzt.

Sympathie für NATO-Gründung

Anfang März 1949 entscheidet sich die norwegische Regierung, an den Verhandlungen über ein nordatlantisches Verteidigungsbündnis teilzunehmen, über das die Regierungen der USA, Kanadas, Großbritanniens, Frankreichs und der Benelux-Staaten seit Ende 1948 in Washington beraten.

Im Berliner „Telegraf“ begrüßt Willy Brandt am 6. März 1949 die Teilnahme Norwegens als „politischen und moralischen Erfolg für den Westen“. Mit unverhohlener Sympathie schreibt er: „Eine der an Einwohnern kleinsten europäischen Nationen hat dem sowjetischen Expansionismus eine der bedeutendsten Schlappen zugefügt, die er bisher erlebt hat.“ Die offizielle Gründung der North Atlantic Treaty Organization (NATO), an der sich auch Dänemark, Island, Italien und Portugal beteiligen, erfolgt am 4. April 1949.

Blockade-Ende in Berlin und Gründung der Bundesrepublik

Mehr als zwei Millionen Tonnen Fracht haben Amerikaner und Briten über die „Luftbrücke“ nach West-Berlin eingeflogen, als die Sowjetunion am 12. Mai 1949 die Blockade nach elf Monaten aufhebt. Stalin hat weder den westlichen Abzug aus Berlin erzwingen noch den Weststaat verhindern können. Am 23. Mai 1949 tritt in Bonn das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland in Kraft. Wegen eines Vetos der Westmächte darf West-Berlin aber nicht zum neuen Staat gehören.

Dennoch sieht Willy Brandt einen Wendepunkt in der Nachkriegsgeschichte gekommen. „Der Kampf um die vierte Zone für die Bundesrepublik hat begonnen“, schreibt er am 13. Mai 1949 im SPD-Pressedienst. Die Außenminister-Konferenz der Vier Mächte, die zehn Tage später in Paris beginnt, bringt jedoch in der deutschen Frage keine Annäherung zwischen Ost und West.

Wahl zum Berliner MdB

Am 14. August 1949, dem Tag der ersten Bundestagswahl, wird Willy Brandt gemeinsam mit Louise Schroeder, Paul Löbe, Franz Neumann und Otto Suhr für die SPD in das Bonner Parlament gewählt. Nicht annehmen wollen hat Brandt zuvor das Angebot von Ernst Reuter, Stadtrat für Verkehr im West-Berliner Magistrat zu werden. Wegen alliierter Einwände erfolgt die Wahl der acht Berliner Bundestagsabgeordneten nicht direkt durch das Volk, sondern durch die Stadtverordnetenversammlung.

Bei der Bundestagswahl liegt die CDU/CSU mit 31,0 % der Stimmen überraschend vor der SPD mit 29,2%. Am 15. September 1949 wählt der Bundestag Konrad Adenauer (CDU) zum Kanzler der Bundesrepublik Deutschland. Drei Tage zuvor hat die Bundesversammlung Theodor Heuss (FDP) zum Bundespräsidenten gewählt.

Gründung der DDR

Am 7. Oktober 1949 verkündet der Volksrat, das provisorische Parlament der Sowjetischen Besatzungszone, in Ost-Berlin die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Ihre Verfassung gaukelt Demokratie allerdings nur vor. Bei den Wahlen in der DDR steht die Mandatsverteilung durch eine Einheitsliste schon vorher fest. Über Staat und Gesellschaft herrscht allein das SED-Politbüro, dem Walter Ulbricht vorsitzt.

In der scharfen Ablehnung der kommunistischen Diktatur im Osten Deutschlands herrscht unter den demokratischen Parteien im Westen Einigkeit. Auch für Willy Brandt ist die Bundesrepublik die allein rechtmäßige Vertretung aller Deutschen. Eine Anerkennung des „Sowjetprotektorats“, wie er die DDR im Herbst 1949 nennt, und politische Beziehungen zum „Zonenregime“ in „Pankow“ sind tabu.

Ende der Tätigkeit für den SPD-Vorstand

Am 20. November 1949 schickt Willy Brandt seinen letzten Bericht als Berliner Vertreter des SPD-Parteivorstands nach Hannover. Seine Dienststelle in Berlin ist aufgelöst. Denn seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Konstituierung des Bundestages in Bonn hat die oberste Vertretung der drei Westmächte in Deutschland, die Alliierte Hohe Kommission, ihren Sitz am Rhein.

Infolge der beruflichen Veränderung muss die kleine Familie Brandt die Dienstvilla am Halensee räumen. Anfang 1950 ziehen Willy und seine Frau Rut mit Sohn Peter in ein Reihenhaus am Schlachtensee ein. Ihre neue Adresse ist Marinesteig 9. Während der Sitzungswochen des Bundestages in Bonn wohnt Brandt in einem möblierten Zimmer.

SPD-Kreisvorsitzen­der in Wilmersdorf

Im Dezember 1949 erlangt Willy Brandt sein erstes Parteiamt in der Berliner SPD. Er wird überraschend zum Vorsitzenden des Kreises Wilmersdorf gewählt. Damit steht er einem von insgesamt zwanzig SPD-Kreisverbänden in Groß-Berlin vor, von denen es zwölf im Westteil und acht im Ostteil der Stadt gibt.

Nach Brandts Darstellung erfolgt seine Wahl ganz ungeplant. Eigentlich soll er in Wilmersdorf nur als Tagungsleiter einen Streit rivalisierender Gruppen schlichten. Als ihm dies gut gelingt, entscheidet die Versammlung, dass Brandt gleich den Vorsitz des Kreisverbandes übernehmen soll.

Chefredakteur beim „Berliner Stadtblatt“

Am 1. Januar 1950 wird Willy Brandt Chefredakteur der von der Berliner SPD herausgegebenen Tageszeitung „Sozialdemokrat“. Er schreibt viele Artikel selbst, so eine Glosse „Pfeffer und Salz“ und den „Bonner Brief“.

Obwohl Brandt die Zeitung in „Berliner Stadtblatt“ umbenennt und sich auch Boulevard-Themen zuwendet, bleibt der wirtschaftliche Erfolg aus. Bis Mitte 1951 sinkt die Zahl der Abonnenten auf 3.500, woraufhin das Blatt eingestellt wird. Einige Berliner SPD-Funktionäre machen Brandt für den Niedergang verantwortlich. Er findet diese Kritik ungerecht, da seiner Meinung nach „die Aufgabe nicht zu lösen“ gewesen sei.

Um sein Einkommen aufzubessern, ist der 36-Jährige zudem als Korrespondent für das „Arbeiderbladet“ in Oslo und für „Morgontidningen“ in Stockholm tätig.

Erste Rede im Bundestag in Bonn

Am 24. März 1950 hält Willy Brandt seine erste Rede im Bonner Bundestag. Der SPD-Abgeordnete begrüßt den Vorschlag der Bundesregierung, dass es als ersten Schritt zur Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit gesamtdeutsche Wahlen geben soll. Brandt fordert die Regierung Adenauer zugleich auf, mehr Bundesbehörden, als von ihr geplant, nach Berlin zu verlegen.

Heftig attackiert der Redner die anwesenden KPD-Abgeordneten, die das SED-Regime in der DDR verteidigen. Dem deutschen Volk, so Brandt, werde „mit Hilfe fremder Bajonette, mit Hilfe des brutalsten Terrors, mit Hilfe von Methoden, die nur mit denen des Naziregimes verglichen werden können“, das Selbstbestimmungsrecht verwehrt. Es gebe eine „nationale und demokratische Pflicht zum Widerstand“ gegen die kommunistischen Machthaber im Osten.

Wahl in den Berliner SPD-Landesvorstand

Beim Parteitag der Berliner SPD am 1./2. April 1950 wird Willy Brandt mit dem drittbesten Stimmenergebnis als Beisitzer erstmals in den Vorstand gewählt. Der Landesverband nominiert ihn zudem als einen seiner Delegierten für den SPD-Bundesparteitag in Hamburg im Mai 1950. Auf eine von ihm erwogene Kandidatur für den stellvertretenden Landesvorsitz hat der 36-Jährige im Vorfeld aber verzichtet.

Dass Willy Brandt als Gefolgsmann von Ernst Reuter fortan stimmberechtigtes Vorstandsmitglied in der Berliner SPD ist, missfällt dem Landesvorsitzenden Franz Neumann sehr. Die persönlichen und politischen Reibereien zwischen den beiden Politikern nehmen immer weiter zu.

Auseinandersetzung um den Europarat

Beim Parteitag in Hamburg debattiert die SPD vor allem über den von der Regierung Adenauer angestrebten Beitritt der Bundesrepublik zum Europarat in Straßburg. In seiner Rede vor den Delegierten am 22. Mai 1950 stellt sich Willy Brandt gegen das vom Parteivorsitzenden Kurt Schumacher vorgegebene Nein.

Zusammen mit den Bürgermeistern Ernst Reuter, Max Brauer und Wilhelm Kaisen gehört der Berliner MdB zu den wenigen Delegierten, die ein „Ja“ zum Europarat befürworten, auch wenn die Bundesrepublik zunächst noch nicht gleichberechtigt ist.

Bei der Abstimmung enthält Brandt sich jedoch der Stimme, weil es sich formal um ein Votum über die gesamte Politik der SPD-Bundestagsfraktion handelt. Die Parteiführung um Schumacher und der Neumann-Flügel in Berlin üben scharfe Kritik an den Abweichlern.

Beim „Kongress für Kulturelle Freiheit“

Vom 26. bis 30. Juni 1950 findet im Titania-Palast in West-Berlin der erste „Kongress für kulturelle Freiheit“ statt. Namhafte internationale Intellektuelle, Schriftsteller und Politiker sind zusammengekommen, um sich zu den westlichen Werten zu bekennen und gegen den Kommunismus Front zu machen.

Auch Willy Brandt nimmt an dem Kongress teil. Durch seine Kontakte nach Skandinavien ist es gelungen, einige seiner norwegischen Freunde, darunter Haakon Lie, für die Veranstaltung zu gewinnen.

Das Gründungstreffen der antitotalitären Vereinigung steht ganz unter dem Eindruck des Korea-Kriegs, der am 25. Juni 1950 mit dem Überfall des kommunistischen Nordens auf den Süden des Landes begonnen hat. Die Sorge vor einer ähnlichen Entwicklung in Europa ist groß.

Vortrag in Norwegen

Am 1. August 1950 hält Willy Brandt bei einer Internationalen Sommerschule in Sørmarka, 20 km südöstlich von Oslo, einen Vortrag über „Deutsche Probleme“.

Die anschließende Diskussion mit sozialistischen Jugendvertretern aus 14 Ländern kreist vor allem um ein Thema: „Seit Korea ist (…) der Wunsch außerordentlich gewachsen, mit deutschen Beiträgen zur Verteidigung Westeuropas und damit zur erhofften Abschreckung des Angreifers rechnen zu können.“ So berichtet es Brandt nach seiner Reise im „Berliner Stadtblatt“.

Er hat im Ausland aber auch Vorbehalte gegen eine Wiederbewaffnung Deutschlands wegen der NS-Zeit registriert, wofür er Verständnis zeigt. Besonders stark ist die Ablehnung bei Vertretern der israelischen Arbeiterbewegung, mit denen Brandt in Oslo gesprochen hat.

Debatte um die Wiederbewaffnung

Die Frage der Wiederbewaffnung schlägt im Herbst 1950 hohe Wellen in der Bundesrepublik und West-Berlin. Im Landesausschuss der Berliner SPD hebt Willy Brandt am 4. November 1950 das grundsätzliche Ja seiner Partei für einen westdeutschen Beitrag zur Verteidigung Westeuropas hervor. Dass Bundeskanzler Konrad Adenauer den Westmächten dafür bereits Ende August 1950 ein deutsches Kontingent angeboten hat, hält Brandt jedoch für verfrüht.

Sehr skeptisch ist der SPD-Bundestagsabgeordnete auch gegenüber dem Vorschlag des französischen Ministerpräsidenten René Pleven für eine Europa-Armee. Der Pleven-Plan vom 24. Oktober 1950 wird zum Ausgangspunkt für Verhandlungen zwischen Frankreich, der Bundesrepublik, Italien und den Benelux-Staaten über eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG).

Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses

Am 3. Dezember 1950 wird Willy Brandt zum ersten Mal in das Parlament von West-Berlin gewählt. Dort übernimmt er den Vorsitz im neugebildeten Ausschuss für Bundesangelegenheiten. Die Neuwahl des Abgeordnetenhauses, wie die Volksvertretung nun heißt, ergibt sich aus der neuen Verfassung für das „Land Berlin“.

Gegenüber 1948 verliert die Berliner SPD fast 20 Prozentpunkte und erreicht nur noch 44,7%. Franz Neumann und seine Freunde wollen daher in die Opposition gehen. Willy Brandt setzt sich demgegenüber für eine Fortsetzung des Regierungsbündnisses mit CDU und FDP ein. Am 18. Januar 1951 wählt das Abgeordnetenhaus Ernst Reuter zum Regierenden Bürgermeister und bestätigt den von ihm angeführten Senat. Wenig später stimmt auch ein SPD-Landesparteitag der Dreier-Koalition zu.

Vorschlag für Gesetz gegen DDR-Agenten

Im Kampf gegen das SED-Regime in der DDR befürwortet Willy Brandt drastische Maßnahmen. In einem Brief an seinen Parteifreund Herbert Wehner plädiert der Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete am 2. Januar 1951 für ein Gesetz gegen Menschenraub und Spionage. Brandt will damit „kommunistischen Spitzeln“ und „sowjetzonalen Terroristen“ in der Bundesrepublik und in West-Berlin das Handwerk legen.

Ein härteres Vorgehen wünscht er sich auch gegen westdeutsche Politiker, Journalisten und Verbände, die Kontakte zu Massenorganisationen in Ostdeutschland unterhalten und durch „missverstandene Toleranz“ kommunistische Propaganda verbreiten würden. In der SPD-Bundestagsfraktion kann sich Brandt mit seiner Forderung nach einem Gesetz gegen östliche Agenten aber nicht durchsetzen.

Gegen deutsche Neutralität

Auf einen Appell von 51 Persönlichkeiten in der Bundesrepublik, die sich Anfang 1951 gegen jegliche deutsche Wiederbewaffnung aussprechen, reagiert Willy Brandt mit beißender Kritik. In mehreren Artikeln schmäht er die Unterzeichner als „Weder-Noch-Nihilisten“, „Phantasten“ und „Falschmünzer“ und verurteilt zugleich die sich in der Bevölkerung ausbreitende „Ohne Mich“-Haltung.

Brandt wendet sich insbesondere gegen die Vorstellung, es gäbe für Deutschland in der Mitte Europas die Möglichkeit einer von den vier Mächten garantierten Neutralität. Am 21. Februar 1951 schreibt der Chefredakteur des „Berliner Stadtblatts“: An östliche Garantien „kann nur der glauben, der in geistig-politischen und moralisch-politischen Angelegenheiten neutral geblieben ist“.

Niederlage bei Wahl in der SPD-Fraktion

Bei den Wahlen zum Vorstand der SPD-Bundestagsfraktion im März 1951 fällt Willy Brandt mit seiner Kandidatur für das Amt eines Beisitzers durch. Seit seiner Kritik an der Europapolitik der SPD im Jahr zuvor ist sein Verhältnis zum Partei- und Fraktionsvorsitzenden Kurt Schumacher schwer belastet. Auch die Führungsmethoden Schumachers behagen dem auf persönliche und politische Unabhängigkeit bedachten Brandt nicht.

Seiner Arbeit als Berliner Bundestagsabgeordneter sind dadurch so enge Grenzen gesetzt, dass er im Januar 1951 ernsthaft darüber nachgedacht hat, sein Mandat in Bonn aufzugeben. Zu einem offenen, klärenden Gespräch mit Schumacher, um das Brandt Ende März 1951 bittet, kommt es vorerst nicht.

Kritik an Montan-Union

Am 18. April 1951 wird in Paris der Vertrag über die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) unterzeichnet. Sie ist der erste Baustein der europäischen Integration. An der supranationalen Montan-Union, die auf den Vorschlag des französischen Außenministers Robert Schuman 1950 zurückgeht, nehmen Frankreich, die Bundesrepublik Deutschland, Italien und die Benelux-Staaten teil.

Drei Tage vor der Unterzeichnung äußert sich Willy Brandt unter der Überschrift „Armes Europa“ im „Berliner Stadtblatt“ zum Vertrag. Gegenüber der schroffen Ablehnung durch SPD-Chef Kurt Schumacher, der die Montan-Union als „konservativ, klerikal, kapitalistisch und kartellistisch“ bezeichnet hat, fällt seine Kritik relativ milde aus. Es sei kein guter Kompromiss zwischen dem Notwendigen und dem Möglichen erzielt worden, meint Brandt. Der Berliner Bundestagsabgeordnete bemängelt, dass die EGKS nicht auf dem Boden der Gleichberechtigung gegründet sei und dass sich ein „südwestliches Kleinsteuropa“ bilden könnte, das sich von England und Skandinavien absondert. „Aber“, so schränkt er ein, „es wäre ein Jammer, wenn die Initiative des Schuman-Plans im Nichts ausmünden würde.“

Dem deutschen Bundeskanzler wirft Brandt undemokratisches Verhalten vor. Er erkennt jedoch an, dass Konrad Adenauer sich ehrlich um einen deutsch-französischen Ausgleich bemühe. Der Deutsche Bundestag ratifiziert den Vertrag über die Montan-Union gegen die Stimmen der Opposition am 11. Januar 1952.

Geburt von Sohn Lars

Am 3. Juni 1951 wird Willy Brandt zum dritten Mal Vater. Wie er später schreibt, sei auch sein zweiter Sohn Lars wie dessen älterer Bruder Peter „der Sprache und dem sonstigen Gehabe nach waschechter Berliner geworden“.

Das Umfeld, in dem die Familie Brandt im Südwesten Berlins wohnt, ist ideal. Rut Brandt erinnert sich später: „Die Marinesiedlung am Schlachtensee war schön gelegen, offen und kinderfreundlich. (…) Die Kinder durften Kinder sein, und Streiche und Fantasie gehörten dazu.“

1955 ziehen die Brandts in ein größeres Reihenhaus um, das in derselben Straße liegt. Die neue Adresse lautet Marinesteig 14. Mit der Nachbarsfamilie Bohmbach schließen sowohl das Ehepaar Brandt als auch ihre beiden Söhne eine enge Freundschaft, die besonders die beiden Frauen miteinander verbindet.

Broschüre über Jugoslawien

„Probleme des Titoismus“, so heißt eine Schrift Willy Brandts, die der Vorstand der SPD im August 1951 veröffentlicht. Darin setzt sich der Berliner Bundestagsabgeordnete mit dem jugoslawischen Kommunismus unter Tito auseinander, der 1948 mit Stalin und der Sowjetunion gebrochen hat.

Jugoslawien sei deswegen ein „weltpolitischer Faktor von Rang“ und befinde sich mit dem Modell der „Arbeiterselbstverwaltung“ auf einem „gesellschaftlichen und ideenmäßigen Entwicklungsprozess“, glaubt Brandt. Er spricht sich daher für eine Kontaktaufnahme der Sozialistischen Internationale mit der Kommunistischen Partei Jugoslawiens aus. Letzten Endes gehe es um den Versuch, in Jugoslawien und darüber hinaus „Neuland für die Demokratie und für den freiheitlichen Sozialismus“ zu erschließen.

Streit um Bundes­gesetze in Berlin

Auf ihrem Landesparteitag am 28. Oktober 1951 debattiert die Berliner SPD kontrovers über die Frage, ob und wie West-Berlin Bundesgesetze übernehmen soll. Ernst Reuter und Willy Brandt plädieren für eine vorbehaltlose Übernahme, um die Zugehörigkeit zur Bundesrepublik zu unterstreichen. Franz Neumann und Otto Suhr fordern dagegen das Recht zur Änderung von bundesgesetzlichen Regelungen, damit Berlin z. B. sein einheitliches Sozialversicherungssystem behalten kann.

Unterdessen beschließt der Bundestag in Bonn im Herbst 1951, die Finanzhilfe des Bundes für Berlin gesetzlich festzuschreiben und die Zahl der Berliner Abgeordneten von acht auf neunzehn zu erhöhen. Die von Reuter und Brandt gewünschte volle Einbeziehung West-Berlins in die Bundesrepublik als echtes Bundesland lehnen die drei Westmächte aber nach wie vor ab.

Arbeitsgemeinschaft West-Ost-Hilfe

Am 27. November 1951 konstituiert sich in Berlin die Arbeitsgemeinschaft West-Ost-Hilfe. Ca. 30 Organisationen haben sich darin zusammengeschlossen, um Besucher aus Ost-Berlin und der DDR besser zu betreuen. Bei Aufenthalten in West-Berlin sollen sie mit Geld, Lebensmitteln, Medikamenten und Büchern versorgt werden.

„Die Arbeitsgemeinschaft will die gesamtdeutsche Verbundenheit durch praktische Hilfsmaßnahmen stärken und fördern“, so Willy Brandt. Er hat die West-Ost-Hilfe initiiert und übernimmt einen der beiden Vorsitzendenposten. Gespräche mit jungen Leuten von drüben, die während des Ost-Berliner Weltjugendtreffens im August 1951 nach West-Berlin gekommen sind, haben Brandt aufgerüttelt. Seither warnt er: „Die Gefahr einer Entfremdung der jungen Generation von ihrem Volk ist bitterernst.“

Freie Wahlen in ganz Deutschland?

Im Herbst 1951 unterstützt Willy Brandt nachdrücklich den Vorschlag von SPD-Chef Kurt Schumacher, freie Wahlen in beiden Teilen Berlins abzuhalten. Sie sollen Vorstufe und Testfall für demokratische Wahlen in ganz Deutschland sein, die der Westen seit langem fordert und die zur Wiedervereinigung führen sollen.

Seit September 1951 propagiert auch das SED-Regime in der DDR gesamtdeutsche Wahlen. Die SPD will dieser Kampagne den Wind aus den Segeln nehmen und die Deutschlandpolitik der Sowjetunion auf die Probe stellen.

Als die UNO am 19. Dezember 1951 beschließt, die Voraussetzungen für freie Wahlen in ganz Deutschland prüfen zu lassen, drängt Brandt auf eine Debatte im West-Berliner Abgeordnetenhauses über die Möglichkeit von Gesamtberliner Wahlen. Doch die CDU lehnt es ab, die SPD-Initiative zu unterstützen.

Kundgebung gegen Antisemitismus

Am 17. Februar 1952 findet im Berliner Titania-Palast die Kundgebung „Versöhnung mit den Juden“ statt. Dazu aufgerufen haben der „Kongress für kulturelle Freiheit“ und die „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit“. Die Veranstalter um den Hamburger Publizisten Erich Lüth protestieren gegen den erneut aufkommenden Antisemitismus in der Bundesrepublik und setzen sich für eine Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden ein.

Die Redner erinnern eindringlich an die Ermordung von sechs Millionen Juden durch das NS-Regime und bekennen sich zur „Pflicht der Wiedergutmachung“. Willy Brandt ist Mitinitiator der Kundgebung. In seiner Rede betont er: „Wo Rassenhass herrscht, ist mit der Menschenwürde auch die Freiheit in Gefahr.“

Stalin-Note und Westverträge

Kurz vor Abschluss der Verhandlungen zwischen der Bundesrepublik und den westlichen Partnern über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) bietet die Sowjetunion den drei Westmächten am 10. März 1952 Gespräche über die Wiedervereinigung und Neutralisierung Deutschlands an. Bundeskanzler Adenauer weist die so genannte Stalin-Note umgehend zurück. Er beharrt auf der zügigen Verwirklichung der Westintegration als Voraussetzung für die Wiedervereinigung. Demgegenüber befürwortet der SPD-Vorsitzende Schumacher die sorgfältige Prüfung des sowjetischen Angebots in Vier-Mächte-Verhandlungen.

Auch Willy Brandt ist 1952 dafür, die Stalin-Note auszuloten. Notfalls müsse der Westen sogar die bewaffnete Neutralität Deutschlands akzeptieren, wenn dies der Preis für die Wiedervereinigung in Freiheit wäre, erklärt er. Allerdings glaubt Brandt nicht daran, dass die Sowjetunion die DDR wirklich aufgeben will. Aus seinen Äußerungen lässt sich herauslesen, dass er die militärische Westintegration der Bundesrepublik für unausweichlich erachtet, falls sich das sowjetische Angebot als Bluff herausstellen sollte. Von der EVG hält der Berliner SPD-Abgeordnete jedoch wenig, da sie der Bundesrepublik die Gleichberechtigung vorenthalte und die NATO-Mitgliedschaft verwehre.

Der EVG-Vertrag und der daran gekoppelte Deutschlandvertrag, die beide am 26. Mai 1952 unterzeichnet werden, stellen nach Brandts Ansicht generell ein großes Hindernis für die Wiedervereinigung dar.

Kandidatur für den SPD-Landesvorsitz

Beim Parteitag der Berliner SPD am 24./25. Mai 1952 kandidiert Willy Brandt zum ersten Mal für den Posten des Landesvorsitzenden. Trotz der Unterstützung des Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter unterliegt er dem Amtsinhaber Franz Neumann deutlich mit 93 zu 193 Stimmen. Erschüttert ist Brandt darüber, dass Sozialdemokraten vor der Wahl Diffamierungen über ihn und seine Zeit im Exil in Umlauf gebracht haben.

Zu den politischen Ursachen des Machtkampfs gehören neben dem Streit um die Übernahme von Bundesgesetzen in West-Berlin auch gegensätzliche Vorstellungen von der Zukunft der SPD. Der Reuter/Brandt-Flügel will die Partei modernisieren und für alle Schichten des Volkes öffnen. Dagegen beharren Neumann und seine Anhänger auf dem Konzept der traditionellen Arbeiterpartei.

Protest gegen Menschenraub

Am 8. Juli 1952 wird der West-Berliner Rechtsanwalt Walter Linse, der Menschenrechtsverletzungen des SED-Regimes aufzeichnet, im Auftrag der Stasi in die DDR verschleppt. Die Entführung auf offener Straße löst große öffentliche Empörung aus.

Nach einer Protestkundgebung in West-Berlin beschäftigt sich auch der Bundestag in Bonn am 16. Juli 1952 mit dem Fall Linse. Für die SPD-Fraktion spricht der Berliner Abgeordnete Willy Brandt. Er fordert die sofortige Freilassung des Anwalts und von mehr als 100 weiteren Deutschen, die nach Angaben der Bundesregierung seit 1948 in den Osten entführt worden sind.

Von der Hinrichtung Linses Ende 1953 in Moskau erfährt die Welt erst Jahre später. 2007 wird schließlich bekannt, dass der Jurist in der Nazi-Zeit an der Enteignung von Juden beteiligt gewesen ist.

SPD-Parteitag in Dortmund

An den Debatten des SPD-Bundesparteitags in Dortmund beteiligt sich Willy Brandt mit zwei Redebeiträgen. Am 26. September 1952 begründet er einen Änderungsantrag seines Landesverbandes zum Aktionsprogramm der Partei.

Die Berliner Sozialdemokraten bejahen die militärische Landesverteidigung und damit auch eine deutsche Armee. „Divisionen allein schaffen es nicht. Aber (…) wir leben in einer Welt, in der es noch schlechter aussähe, wenn es nur Moskauer Divisionen gäbe“, erklärt Brandt. Tags zuvor hat er bereits für seine Idee eines wiedervereinigten Deutschland geworben, das politisch im Westen eingebunden, aber militärisch neutral sein sollte.

Als Nachfolger des im August 1952 verstorbenen Kurt Schumacher wählt der Parteitag Erich Ollenhauer zum neuen SPD-Vorsitzenden.

Abstimmung über die Westverträge

Als Generalberichterstatter des Auswärtigen Ausschusses unterrichtet Willy Brandt den Bundestag in Bonn am 3. Dezember 1952 über den Vertrag zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) und den Deutschlandvertrag.

Die von der Regierung Adenauer mit den westlichen Partnern vereinbarten Abkommen sehen vor, dass die Bundesrepublik sich an der Verteidigung Westeuropas beteiligt und dafür die weitgehende Souveränität erhält. Zudem verpflichten sich die drei Westmächte, das Ziel der Wiedervereinigung Deutschlands zu unterstützen.

In seiner Rede begründet Brandt, warum die SPD die Verträge ablehnt. Sie fürchtet, dass die militärische Westintegration der Bundesrepublik die Möglichkeit zur Wiedervereinigung blockiert. Ungeachtet dessen stimmt der Bundestag mit der Mehrheit der Regierungskoalition den Westverträgen zu.

Wider die Teilung Deutschlands

Im „Sozialdemokratischen Pressedienst“ vom 27. Februar 1953 macht Willy Brandt die zunehmende Spaltung Deutschlands und Berlins zum Thema.

Ende Mai 1952 hat die DDR die Grenze zur Bundesrepublik abgeriegelt, um Massenfluchten zu verhindern. Zudem trennt das SED-Regime seither West-Berlin systematisch von Ost-Berlin und vom Umland ab. So dürfen West-Berliner, die Grundstücke in der DDR haben, nicht mehr dorthin fahren. Auch sind die Telefonverbindungen zwischen beiden Teilen Berlins unterbrochen.

Die Abschottung vom Westen soll den „Aufbau des Sozialismus“ in der DDR nach sowjetischem Vorbild absichern, den Walter Ulbricht im Juli 1952 verkündet hat. Folge des neuen SED-Kurses sind die besondere Förderung der Schwerindustrie, die Kollektivierung der Landwirtschaft und die Abschaffung der Länder.

Volksaufstand in der DDR

Nach einer erneuten Erhöhung der Arbeitsnormen treten am 16. Juni 1953 Ost-Berliner Bauarbeiter spontan in den Streik und gehen auf die Straße. Tags darauf protestieren rund eine Million Menschen überall in der DDR gegen die SED-Diktatur. Sie fordern den Rücktritt der Regierung, freie und geheime Wahlen und die Wiedervereinigung Deutschlands. Die SED zeigt sich unfähig, der Lage Herr zu werden. Doch sowjetische Panzer schlagen den Volksaufstand in kurzer Zeit nieder.

Da er an diesem Tag im Bonner Bundestag reden muss, kann Willy Brandt erst am Abend des 17. Juni 1953 nach Berlin fliegen. In Krisensitzungen der Berliner SPD betont er, dass man trotz des blutigen Ausgangs den Aufständischen gegenüber nicht den Eindruck erwecken dürfe, ihre große Anstrengung habe mit einer Niederlage geendet.

Hitzige Debatte zum 17. Juni

In einer Rede zum Volksaufstand in der DDR sorgt Willy Brandt am 1. Juli 1953 im Bundestag für einen Eklat. Sein Satz, „Die deutsche Einheit ist wichtiger als die Wahlsorgen des gegenwärtigen Herrn deutschen Bundeskanzlers!“, provoziert erregte Zwischenrufe aus der CDU/CSU-Fraktion. Brandt wirft Adenauer vor, nichts für die Wiedervereinigung Deutschlands zu tun und wegen der Bundestagswahl im September eine Initiative für eine Vier-Mächte-Konferenz verhindern zu wollen.

Zum 17. Juni, der als „Tag der Deutschen Einheit“ in der Bundesrepublik zum gesetzlichen Feiertag bestimmt wird, veröffentlicht Brandt in den folgenden Monaten viele Artikel und die Broschüre „Arbeiter und Nation“. Im Kampf für Freiheit und Einheit steht für ihn die sozialdemokratische Arbeiterbewegung an der Spitze der deutschen Nation.

Bundestagswahl: Debakel für die SPD

Bei der Bundestagswahl am 6. September 1953 erringt die CDU/CSU mit Bundeskanzler Konrad Adenauer überraschend einen großen Sieg. Die Christdemokraten erreichen 45,2 % der Stimmen, während die SPD und ihr Spitzenkandidat Erich Ollenhauer nur auf 28,8 % kommen.

Da die Westmächte auch diesmal keine Direktwahl in West-Berlin zulassen, wählt erneut das Abgeordnetenhaus die neunzehn Berliner Bundestagsabgeordneten. Unter ihnen ist auch wieder Willy Brandt. Nach der schweren Niederlage der SPD gehört er zu den Sozialdemokraten, die auf eine Reform der Partei drängen, vor allem auf ein modernes Programm und zeitgemäße Organisationsformen.

Seine Überlegungen dazu stellt Brandt im Juni 1954 in einem Referat vor dem Landesparteitag der Berliner SPD vor. Die Reformbemühungen kommen zunächst aber kaum voran.

Trauer um Ernst Reuter

Mit einer großen Kundgebung nimmt die Berliner SPD am 1. Oktober 1953 Abschied von Ernst Reuter. Der Regierende Bürgermeister ist zwei Tage zuvor plötzlich und unerwartet verstorben. In der Stadt herrscht tiefe Trauer.

Auf Bitten der Witwe hält Willy Brandt die Totenrede. Er bezeichnet Reuter als „Lehrer, Mahner und guten Freund zugleich“ und ruft ihm nach: „Man hat dich manchmal einen überschwänglichen Optimisten genannt. Was wäre wohl aus diesem Berlin geworden ohne unbeugsamen Willen und ohne Glauben, der Berge zu versetzen vermag!“ Am 3. Oktober 1953 wird Reuter auf dem Waldfriedhof Zehlendorf beigesetzt.

Gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Richard Löwenthal veröffentlicht Willy Brandt 1957 die Biografie „Ernst Reuter – ein Leben für die Freiheit“.

Ende der Dreier-Koalition in Berlin

Nach turbulenten Sitzungen beschließen die Führungsgremien der Berliner SPD am 12. November 1953, die Koalition mit CDU und FDP zu beenden und aus der Senatsregierung auszusteigen. Drei Wochen zuvor hat Walther Schreiber (CDU) im Abgeordnetenhaus die Wahl zum Regierenden Bürgermeister gegen Otto Suhr (SPD) gewonnen. Die anschließenden Koalitionsverhandlungen verlaufen schwierig.

Trotz Bedenken spricht sich Willy Brandt für eine Fortsetzung des Dreier-Bündnisses aus. Die besondere Lage Berlins, wo Anfang 1954 eine Außenministerkonferenz der Vier Mächte stattfinden soll, erfordert seines Erachtens ein Zusammengehen der demokratischen Parteien. Mit seinen Argumenten kann Brandt sich aber nicht gegen den SPD-Landesvorsitzenden Franz Neumann und dessen Anhänger durchsetzen.

Berliner Konferenz der Außenminister der Vier Mächte

Vom 25. Januar bis 18. Februar 1954 kommen die Außenminister der USA, Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion zum ersten Mal seit fast fünf Jahren wieder zu einer Deutschlandkonferenz zusammen. Das Treffen endet jedoch ohne Ergebnis. Für das Scheitern macht Willy Brandt die sowjetische Seite verantwortlich, bei der er keinerlei Bereitschaft erkennen kann, die Wiedervereinigung eines demokratischen Deutschland zu akzeptieren.

Zu gegenteiligen Bewertungen der SPD-Führung in Bonn und von Teilen der Berliner SPD geht Brandt auf Distanz. Die Wiedervereinigung in Freiheit bleibt zwar auch für ihn oberstes Ziel. Doch versteht er sie nicht als Voraussetzung für eine Ost-West-Entspannung, sondern langfristig als deren mögliches Ergebnis.

Erste USA-Reise

Zusammen mit den SPD-Bundestagsabgeordneten Carlo Schmid und Fritz Erler sowie dem Berliner Senator für Bundesangelegenheiten, Günter Klein, bricht Willy Brandt am 2. März 1954 zu seiner ersten Amerika-Reise auf. Von Washington geht es nach New Orleans und weiter nach San Antonio und San Francisco. Von der Vielfalt und dem Potenzial der USA ist Brandt beeindruckt.

Die mehrwöchige Informationstour wird vom State Department großzügig finanziert. Die vier Sozialdemokraten treffen u. a. Eleanor Dulles, die Schwester des US-Außenministers, Vize-Präsident Richard Nixon sowie die Senatoren James W. Fulbright, Hubert H. Humphrey und Lyndon B. Johnson. Im Mittelpunkt der Gespräche steht die Frage nach einem Verteidigungsbeitrag der Bundesrepublik. Über New York kehrt Brandt am 27. März 1954 nach Deutschland zurück.

Erneute Niederlage gegen Neumann

Beim Parteitag der Berliner SPD am 9. Mai 1954 scheitert Willy Brandt erneut bei dem Versuch, seinen ärgsten Rivalen Franz Neumann als Landesvorsitzenden abzulösen. Anders als zwei Jahre zuvor fällt die Entscheidung diesmal aber denkbar knapp aus. Für den Amtsinhaber Neumann stimmen 145 Delegierte, nur zwei mehr als für den Herausforderer.

Brandt wird daraufhin mit 184 zu 83 Stimmen zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Der 40-Jährige ist zum Sprecher jener Berliner Sozialdemokraten geworden, die Ernst Reuters Politik fortführen wollen. Organisiert von Klaus Schütz, seinem Nachfolger als SPD-Kreisvorsitzender in Wilmersdorf, hat Brandt systematisch die Abteilungsversammlungen der Partei besucht und dabei viele neue Anhänger gewonnen.

Rückschlag bei SPD-Parteitag in Berlin

Beim Bundesparteitag der SPD in Berlin vom 20. bis 24. Juli 1954 kandidiert Willy Brandt erstmals für den Parteivorstand. Dass er nur 155 von 372 Stimmen bekommt, hängt nicht zuletzt mit einem Interview in der „Neuen Ruhr-Zeitung“ wenige Tage zuvor zusammen. Darin hat Brandt deutlich gemacht, dass er im Gegensatz zur SPD-Führung einen Verteidigungsbeitrag der Bundesrepublik für unausweichlich hält, entweder in der EVG oder – im Falle ihres Scheiterns – in der NATO.

Um sich vom „innenpolitischen und innerparteilichen Kleinkrieg“ zu entfernen, flieht Brandt nach dem Parteitag nach Norwegen in den Urlaub. An Hans Hirschfeld, den Pressesprecher des Berliner Senats, schreibt er: „Meine Neigung geht jedoch nicht dahin, zu resignieren. Ganz im Gegenteil: es gilt den Helm fester zu schnallen.“

Scheitern der EVG

Am 30. August 1954 lehnt die französische Nationalversammlung die Ratifizierung des Vertrags über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) ab, den Frankreich, die Bundesrepublik Deutschland, Italien und die Benelux-Staaten 1952 unterzeichnet haben. Bald nach dem Scheitern der EVG beginnen Verhandlungen über einen westdeutschen NATO-Beitritt.

Willy Brandt sieht diesen Schritt als unausweichlich an. Die Bemühungen um die Wiedervereinigung Deutschlands sollten fortgesetzt werden, dürften aber die Eingliederung der Bundesrepublik in das westliche Verteidigungssystem nicht endlos blockieren, argumentiert er am 10. September 1954 vor Berliner SPD-Funktionären. Der Parteivorstand in Bonn hält die NATO-Mitgliedschaft dagegen nach wie vor für unvereinbar mit dem Ziel der Wiedervereinigung.

Aufstieg in der Bonner SPD-Fraktion

Bei den Vorstandswahlen der SPD-Bundestagsfraktion in Bonn am 13. Oktober 1954 erzielt Willy Brandt das siebtbeste Ergebnis. Damit schafft der Berliner Abgeordnete erstmals auf der Bundesebene den Sprung in ein sozialdemokratisches Führungsgremium.

Abgeordnetenhaus­wahl in West-Berlin

Aus den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus am 5. Dezember 1954 geht die SPD als Siegerin hervor. Trotz minimaler Verluste gegenüber der letzten Wahl 1950 erringt sie die absolute Mehrheit der Mandate.

Allerdings haben die Sozialdemokraten nur einen Sitz mehr als das bisherige Regierungsbündnis von CDU und FDP. Auf Vorschlag ihres Spitzenkandidaten Otto Suhr geht die SPD nach der Wahl eine Große Koalition mit der CDU ein.

Willy Brandt liegt in seinem Wahlkreis im Arbeiterbezirk Wedding klar vorn und wird direkt in das Abgeordnetenhaus gewählt.

Wahl zum Berliner Parlamentspräsidenten

Am 11. Januar 1955 wählt das Berliner Abgeordnetenhaus Willy Brandt einstimmig zu seinem neuen Präsidenten. Er wird damit Nachfolger von Otto Suhr, der das Amt des Regierenden Bürgermeisters übernimmt.

Dem vorausgegangen ist ein heftiges Tauziehen in der Berliner SPD. Sowohl Suhr als auch der Landes- und Fraktionsvorsitzende Franz Neumann haben versucht, Brandts Kandidatur für das Präsidentenamt zu verhindern. Aber bei der Nominierung in der SPD-Fraktion hat sich der 41-Jährige mit 36 zu 25 Stimmen gegen den Kreuzberger Bezirksbürgermeister Willy Kressmann durchsetzen können.

Nach seiner Wahl verspricht Brandt den Abgeordneten, seine norddeutsche Spracheigenart, den „s-pitzen S-tein“, abschleifen zu wollen. Das wird ihm erstaunlich schnell gelingen.

Paulskirchen-Manifest und Pariser Verträge

Am 2. Februar 1955 wendet sich Willy Brandt in einem Schreiben an den SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzenden Erich Ollenhauer. Darin distanziert er sich von dem vier Tage zuvor in der Frankfurter Paulskirche proklamierten „Deutschen Manifest“, das sich gegen die Wiederbewaffnung und für die Wiedervereinigung Deutschlands ausspricht.

Das Dokument der außerparlamentarischen Opposition aus SPD, Gewerkschaften, Kirchen und Wissenschaft ruft zum Widerstand gegen die Pariser Verträge vom 23. Oktober 1954 auf, die der Bundesrepublik die Aufnahme in die NATO und weitgehende Souveränitätsrechte verschaffen. Nach Brandts Auffassung richtet sich der Text des Manifests zu einseitig an den Westen. Er bezweifelt auch die These der SPD, dass mit der Ratifizierung der Pariser Verträge die Tür zu Verhandlungen mit der Sowjetunion über die Wiedervereinigung zugeschlagen würde. Verärgert ist Brandt darüber, dass die SPD-Führung gegen seinen erklärten Willen auch seinen Namen unter das Manifest gesetzt hat, da er dem Vorstand der Bundestagsfraktion angehört.

Im Bonner Bundestag ist der Berliner Abgeordnete am 24. Februar 1955 erneut Generalberichterstatter des Auswärtigen Ausschusses. Zudem nimmt er als Redner seiner Fraktion zu den Verträgen Stellung. Brandt vertritt loyal den Standpunkt der SPD, verzichtet aber auf Polemik gegen die Regierung Adenauer. Drei Tage später billigt der Bundestag gegen die Stimmen der SPD die Westverträge, die am 5. Mai 1955 in Kraft treten.

Für menschliche Erleichterungen

Vor dem Kongress der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Remagen hält Willy Brandt am 27. April 1955 eine Rede zum Thema „Was können wir zur Wiedervereinigung Deutschlands tun?“. Der Berliner Parlamentspräsident geht davon aus, dass die Teilung noch geraume Zeit andauert. Daher sei es eine „Existenzfrage der Nation“, den Kontakt und den Zusammenhalt zwischen den Deutschen in Ost und West zu wahren und zu fördern.

Schon seit Jahresbeginn plädiert Brandt dafür, dass west- und ostdeutsche Behörden im Auftrag der Vier Mächte über praktische Fragen des Handels und des Verkehrs im geteilten Deutschland sprechen sollten. Davon erhofft er sich Vereinbarungen, die das Leben der Menschen schrittweise erleichtern und normalisieren. Eine Anerkennung der DDR als Staat schließt Brandt aber nach wie vor aus.

Für friedliche Koexistenz

Auf dem Landesparteitag der Berliner SPD am 22. Mai 1955 spricht Willy Brandt von einem Wandel in der Weltpolitik. Es gebe vielfältige Versuche, ein friedliches Nebeneinanderleben der Staaten zu organisieren. Koexistenz sei notwendig, erklärt Brandt, weil die Zerstörungskraft der Nuklearwaffen die Existenz der Menschheit gefährde und der große Krieg deshalb kein Mittel der Politik mehr sein könne.

Diesen Gedanken hat der 41-Jährige vom britischen Philosophen Bertrand Russell übernommen, dem er im April 1955 bei einem Parlamentarier-Treffen in Rom begegnet ist. Koexistenz, so Brandt, dürfe aber nicht heißen, auf die friedliche Veränderung des Status quo zu verzichten. Die Bundesrepublik müsse alles tun, damit die Frage der Wiedervereinigung in die internationale Entspannung einbezogen werde.

Gespräche mit Ost-Berlin?

Gegenüber der Presse schlägt Willy Brandt am 1. Juni 1955 Gespräche zwischen den Verwaltungen von West- und Ost-Berlin über die schlimmsten Auswüchse der Teilung Berlins vor. Daraufhin bietet Oberbürgermeister Fritz Ebert (SED) dem Regierenden Bürgermeister Otto Suhr (SPD) direkte politische Verhandlungen an. Doch der West-Berliner Senat will sich nur auf technische Kontakte auf Fachebene einlassen.

Dass Suhr keinen Beauftragten für Gespräche mit dem Ost-Magistrat benennt, bedauert Brandt. In den Spitzengremien der Berliner SPD betont er am 20. Juni 1955, es müsse alles getan werden, was der Bevölkerung das Leben erleichtere. Mit Verweis auf die Genfer Gipfelkonferenz der Vier Mächte im Juli 1955 warnt Brandt: Die SPD könne Politik nicht nur im Sinne des Kalten Krieges machen.

Besuch in Jugoslawien

Im August 1955 besucht Willy Brandt zum ersten Mal Jugoslawien. Im Anschluss an einen Urlaub auf der Insel Lopud führt er auf Einladung der Kommission für internationale Beziehungen des „Bundes der Kommunisten Jugoslawiens“ politische Gespräche. Dabei stellt der Berliner Bundestagsabgeordnete großes Interesse der jugoslawischen Seite an wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik fest.

Das Balkanland ist wegen seines unorthodoxen sozialistischen Modells und seiner Unabhängigkeit von der Sowjetunion besonders interessant für Brandt. Staatschef Tito befürwortet eine „Politik der aktiven, friedlichen Koexistenz“ zwischen Ost und West. Zudem zählt Jugoslawien 1955 zu den Gründungsmitgliedern der Blockfreien-Bewegung. Dieser Organisation der „Dritten Welt“ gehören viele junge Staaten in Asien und Afrika an.

Mahnworte zur Wiedervereinigung

Am 21. Oktober 1955 eröffnet West-Berliner Parlamentspräsident Willy Brandt die Sitzung des Abgeordnetenhauses im Rathaus Schöneberg erstmals mit dem Satz: „Ich bekunde unseren unbeugsamen Willen, dass Deutschland mit seiner Hauptstadt Berlin in Freiheit wiedervereinigt werden muss.“

Brandt kommt damit einer Bitte des „Kuratoriums unteilbares Deutschland“ nach, das sich diese Eröffnungsformel für alle deutschen Volksvertretungen wünscht. Fortan beginnt jede Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses bis 1990 mit den Mahnworten zur Wiedervereinigung.

Gegen die Zwei-Staaten-These

Nachdem die Bundesrepublik und die Sowjetunion im Zuge der Moskau-Reise von Bundeskanzler Konrad Adenauer im September 1955 diplomatische Beziehungen aufgenommen haben, verlangt der Kreml vom Westen, die Existenz zweier deutscher Staaten anzuerkennen.

Bei der Außenministerkonferenz der Vier Mächte in Genf im Herbst 1955 schlägt die Sowjetunion daher die Einberufung eines Gesamtdeutschen Rates aus Mitgliedern des Bundestages und der Volkskammer vor. Dieses Gremium soll die Wiedervereinigung vorbereiten, wobei die „Errungenschaften“ der DDR erhalten bleiben müssten.

In einem Beitrag für „Die Zeit“ vom 10. November 1955 erteilt Willy Brandt den sowjetischen Forderungen eine klare Absage. Die deutsche Frage kann seiner Meinung nicht auf der Ebene Bonn–Ost-Berlin und nicht ohne die Westmächte gelöst werden.

Vortragsreise nach Schweden

Ende März 1956 reist Willy Brandt zu Vorträgen nach Stockholm. Vor der „Schwedisch-Deutschen Gesellschaft“ („Svensk-Tyska Sällskapet“) hält er eine Rede zum Thema „Ist die Wiedervereinigung Deutschlands noch aktuell?“. Chancen für eine rasche und isolierte Lösung des Deutschlandproblems kann Brandt nicht erkennen. Er hofft jedoch auf internationale Verhandlungen über Entspannung und Abrüstung, die er als Voraussetzung für die deutsche Wiedervereinigung ansieht.

In der schwedischen Hauptstadt stattet der Berliner Parlamentspräsident auch dem „Schwedischen Komitee für die Freiheit der Kultur“ („Svenska Kommittén för Kulturens Frihet“), der „Treuegemeinschaft Sudetendeutscher Sozialdemokraten“ und der Gesandtschaft der Bundesrepublik Deutschland Besuche ab.

Propagandaschlacht um Spionagetunnel

Am 24. April 1956 geben die Sowjets die Entdeckung eines Spionagetunnels im Ost-Berliner Bezirk Treptow bekannt, über den die Amerikaner elf Monate lang das sowjetische Hauptquartier abgehört haben. Ost-Berlins Oberbürgermeister Friedrich Ebert (SED) lädt daraufhin Willy Brandt zu einer Besichtigung des Tunnels ein. Der West-Berliner Parlamentspräsident willigt unter der Bedingung ein, dass Ebert vier politische Gefangene zum Treffpunkt am Brandenburger Tor mitbringt.

Als Brandt am 28. April 1956 in Begleitung der Presse und vieler Schaulustiger dort erscheint, wird ihm ein Brief übergeben. Darin teilt Ebert mit, der Ost-Magistrat sei nicht für die Entlassung von Kriminellen zuständig. Sofort macht Brandt kehrt, während ein Mitarbeiter die Namen der vier Häftlinge laut und anklagend ausruft.

Rede im Bundestag zu innerdeutschen Beziehungen

Im Bonner Bundestag begründet Willy Brandt am 30. Mai 1956 eine Große Anfrage an die Bundesregierung zur „Entwicklung in der Sowjetzone und Möglichkeiten engerer Verbindungen zwischen den beiden Teilen Deutschlands“. An der Formulierung der Anfrage, die von allen Fraktionen eingebracht wird, haben er und sein SPD-Kollege Herbert Wehner großen Anteil.

Brandt betont, es gehe dabei nicht um die außenpolitischen Voraussetzungen der Wiedervereinigung, sondern um Maßnahmen für ein Höchstmaß an Beziehungen zwischen den Deutschen in Ost und West. Vor dem eigenen Volk und vor aller Welt wolle der Bundestag seinen festen Willen klarwerden lassen, „das Leben im willkürlich gespaltenen Deutschland zu erleichtern“ und „sinnvoll wieder zusammenzufügen, was sinnlos auseinandergerissen worden ist“.

Kein Platz im SPD-Parteivorstand

Vom 10. bis 14. Juli 1956 tagt der Bundesparteitag der SPD in München. In seiner Rede spricht Willy Brandt u. a. die unklare Haltung der Sozialdemokraten zur Aufstellung bundesdeutscher Streitkräfte an. Wenige Tage zuvor hat die SPD im Bundestag das Wehrpflichtgesetz abgelehnt. Brandt mahnt, eine große Partei, die regieren wolle, könne den Fragen der staatlichen Gewalt nicht ausweichen.

Wie schon zwei Jahre zuvor kandidiert er wieder für einen Sitz im Parteivorstand. Mit nur 194 von 386 Stimmen scheitert er aber erneut. Von der Niederlage ist Brandt tief getroffen. An seine Frau Rut schreibt der 42-Jährige: „Ich bin sehr traurig, beinahe verzweifelt. (…) Man wollte mich auch diesmal nicht dabeihaben. (…) Ich komme wohl darüber hinweg, aber im Augenblick würde ich am liebsten Eremit werden.“

Für den Wiederaufbau des Reichstags

Vor dem „Kuratorium Unteilbares Deutschland“ spricht sich Willy Brandt am 15. Oktober 1956 für den Wiederaufbau des im Krieg schwer zerstörten Berliner Reichstagsgebäudes aus. Mit diesem Vorschlag, den er erstmals 1951 geäußert hat, schaltet sich Brandt in die im Herbst 1956 einsetzende Hauptstadtdebatte ein.

Der Berliner Parlamentspräsident und SPD-Bundestagsabgeordnete fordert, mit den Vorbereitungen eines vollständigen Umzugs von Regierung und Parlament von Bonn nach Berlin sofort zu beginnen. Die Bundesrepublik würde damit ihren Wiedervereinigungswillen bekräftigen und West-Berlin noch fester an sich binden, so Brandt. Die Betonung der Hauptstadtfunktion Berlins soll zudem das Image der „Frontstadt“ ablösen. Die Arbeiten zum Wiederaufbau des Reichstagsgebäudes beginnen 1958.

Solidarität mit Ungarn

Im Herbst 1956 versuchen die Ungarn, sich von der kommunistischen Herrschaft zu befreien. Aber die Sowjetunion schlägt den Volksaufstand mit brutaler Waffengewalt nieder.

Am Abend des 5. November 1956 versammeln sich 100.000 Menschen vor dem Rathaus Schöneberg in West-Berlin zu einer Protestkundgebung. Doch die Redner, vor allem der SPD-Landesvorsitzende Franz Neumann, erfüllen die Erwartungen nicht und werden ausgepfiffen. Als wütende Demonstranten zur sowjetischen Botschaft in Ost-Berlin ziehen wollen, trägt Parlamentspräsident Willy Brandt durch beherztes Auftreten zur Entschärfung der gefährlichen Situation bei.

Für seinen Einsatz erntet er große Anerkennung in der Bevölkerung, den Medien und der Berliner SPD. Im innerparteilichen Machtkampf mit Neumann ist Brandt nun klar im Vorteil.